Germania

A. Das Land und seine Bewohner:

I. Die Grenzen des Landes:

Germania omnis a Gallis Raetisque et Pannoniis Rheno et Danuvio fluminibus, a Sarmatis Dacisque mutuo metu aut montibus separatur: cetera Oceanus ambit, latos sinus et insularum immensa spatia complectens, nuper cognitis quibusdam gentibus ac regibus, quos bellum aperuit. Rhenus, Raeticarum Alpinum inaccesso ac praecipiti vertice ortus, modico flexu in occidentem versus septentrionali Oceano miscetur. Danuvius, molli et clementer edito montis Abnobae iugo effusus, pluris populos adit, donec in Ponticum mare sex meatibus erumpat: septimum os paludibus hauritur.

Ganz Germanien ist von den Galliern, den RĂ€tern und Pannoniern durch die FlĂŒsse Rhein und Donau, von den Sarmaten und Dakern durch die gegenseitige Furcht oder durch die Berge getrennt. An den ĂŒbrigen Teilen umgibt es der Ozean, der weite Meerbusen und eine unermessliche Zahl an Inseln einschließt.

Dieser Teil an der KĂŒste wurde kĂŒrzlich durch einige Völker und Könige bekannt, gegen die man Krieg eröffnete. Der Rhein entspringt auf einem unzugĂ€nglichen und jĂ€h abfallenden Gipfel der rĂ€tischen Alpen und mĂŒndet in einer schwachen KrĂŒmmung nach Westen in den Nordozean. Die Donau entspringt auf einem sanften und mĂ€ĂŸig ansteigendem Bergzug Abnoba und passiert viele Völkern bis sie in das Pontische Meer in sechs Armen stĂŒrzt: Die siebente MĂŒndung wird von SĂŒmpfen eingesogen.

Sarmaten: Nomadenvolk zwischen Schelde und Weichsel und auch in Asien.

Daker: ein den Thrakern und Illyrern Ă€hnliches Volk in den Karpaten und in SiebenbĂŒrgen, das erst von Kaiser Trajan 101 und 107 bezwungen werden konnte.

Abnoba: wahrscheinlich der Schwarzwald

II. - IV. Die Bewohner und ihre Abstammung:

Ipsos Germanos indigenas crediderim minimeque aliarum gentium adventibus et hospitiis mixtos, quia nec terra olim, sed classibus advehebantur, qui mutare sedes quaerebant, et immensus ultra utque sic dixerim adversus Oceanus raris ab orbe nostro navibus aditur. Quis porro, praeter periculum horridi et ignoti maris, Asia aut Africa aut Italia relicta Germaniam peteret, informem terris, asperam caelo, tristem cultu aspectuque, nisi si patria ist?

Celebrant carminibus antiquis, quod unum apud illos memoriae et annalium genus est, Tuistonem deum terra editum et filium Mannum originem gentis conditoresque. Manno tris filios adsignant, e quorum nominibus proximi Oceano Ingaevones, medii Herminones, ceteri Istaevones vocentur. Quidam, ut in licentia vetustatis, pluris deo ortos plurisque gentes et appellationes, Marsos Gambrivios Suebos Vandilios, adfirmant, eaque vera et antiqua nomina. Ceterum Germaniae vocabulum recens et nuper additum, quoniam qui primi Rhenum transgressi Gallos expulerint [ac] nunc Tungri, tunc Germani vocati sint: ita nationis nomen, non gentis evaluisse paulatim, ut omnes primum a victore ob metum, mox etiam a se ipsis invento nomine Germani vocarentur.

Ich glaube annehmen zu können, dass die Germanen selbst Eingeborene und nur sehr gering mit Zuwanderern anderer Völker und aufgenommenen Fremden durchmischt sind. Denn sie kamen einst nicht ĂŒber das Land sondern mit der Flotte, da sie ihre Sitze zu verĂ€ndern suchten, und weil der unermeßlich jenseits und, um mich so auszudrĂŒcken, fĂŒr uns auf der Kehrseite sich ausdehnende Ozean von unserem LĂ€nderkreis aus nur selten zu Schiffe besucht wird.

Wer wollte, abgesehen von der Gefahr des schrecklichen und unbekannten Meeres, Asien oder Africa oder Italien verlassen und nach Germanien streben, das unschön vom Land her,, rauh im Klima und schlecht fĂŒr den Anbau und im Anblick, wenn es nicht sein Vaterland wĂ€re?

Sie feiern mit sehr alten Liedern, was bei jenen die einzige Art der Erinnerung und der GeschichtsĂŒberlieferung ist, den Gott Tuisto, der auf der Erde geboren ist, und seinen Sohn Manno, ihr Ahnherr, und die anderen VolksbegrĂŒnder. Sie schreiben Manno drei Söhne zu, nach deren Namen die dem Ozean nĂ€chst Gelegenen Ingaevonen, die mittleren Herminonen und die ĂŒbrigen Istaevonen genannt werden. Manche erzĂ€hlen aber, wie es in der WillkĂŒr der alten Zeit liegt, von mehr Söhnen des Gottes und von mehr Völkern und von mehr Bezeichnungen, nĂ€mlich die Marsen, die Gambrivier, die Sueben, die Vandilier. Das sind wahrhaft ĂŒberlieferte und sehr alte Namen. Übrigens ist die Bezeichnung Germanien jung und wurde erst kĂŒrzlich dieser Gegend beigelegt. Die von ihnen nĂ€mlich, die einst als erste den Rhein ĂŒberquerten, vertrieben die Gallier und diese Volkschaft werden heute Tungern genannt, damals aber Germanen. Der Name dieses Stammes - nicht der des Volkes - wuchs almĂ€hlich so an, dass alle Völker, weil sie zuerst aufgrund dieses Sieges wegen des dadurch entstehenden Schreckens, bald aber auch von sich selbst aus diesen Namen annahmen, Germanen genannt wurden.

adversus Oceanus: Hier ist die Vorstellung, dass sich Mittelmeer und Nordmeer einander gegenĂŒberliegen, getrennt durch das Festland Germaniens bis Italiens.

Ingaevonen, Istaewonen, Herminonen: germanische KultverbÀnde, in denen die Ost- und Nordgermanen nicht enthalten sind. Die Namen werden 520 n. Chr. auf einer gallischen Stammtafel bestÀtigt.

Marser: verantwortlich fĂŒr einen Überfall des Germanicus im Jahre 14 n. Chr.. Sie wohnen zwischen Ruhr und Lippe.

Gambrivier: zurĂŒckgebliebener Teilstamm der Sugambrer, die 8 v. Chr. den Rhein ĂŒberquerten.

Sueben: Schreibweise schwankt sehr(Sueven/Sweben). => Kapitel 39

Vandilier: hier handelt es sich wohl um die Vandalen

Germanenname: stammt nach Tacitus von den Kelten ab, die den Germanenstamm der Tungern, als sie siegreich ĂŒber den Rhein vorstießen. Dieser Name wurde verbreitet und allmĂ€hlich zum Gesamtnamen.

Fuisse apud eos et Herculem memorant, primumque omnium virorum fortium ituri in proelia canunt. Sunt illis haec quoque carmina, quorum relatu, quem barditum vocant, accendunt animos futuraeque pugnae furtunam ipso cantu augurantur; terrent enim trepidantve, prout sonuit acies, nec tam vocis ille quam virtutis concentus videtur. Adfectatur praecipue asperitas soni et fractum murmur, obiectis ad os scutis, quo plenior et gravior vox repersussu untumescat. Ceterum et Ulixen quidam opinantur longo illo et fabuloso errore in hunc Oceanum delatum adisse Germaniae terras, Asciburgiumque, quod in ripa Rheni situm hodieque incolitur, ab illo constitutum nominatumque; aram quin etiam Ulixi consecratam, adiecto Laertae patris nomine, eodem loco olim repertam, monumentaque et tumulos quosdam Graecis litteris inscriptos in confinio Germaniae Raetiaeque adhuc exstare. Quae neque confirmare argumentis neque refellere in animo est: ex ingenio suo quisque demat vel addat fidem.

Sie erwĂ€hnen auch, dass Hercules bei ihnen war und besingen ihn als ersten aller tapferen MĂ€nner, wenn sie in die Schlacht ziehen. Sie haben auch diese Lieder, durch deren Vortrag, den sie Barditus nennen, sie die Geister (der Helden) aufnehmen. Durch denselben Gesang prophezeien sie auch das Schicksal des anstehenden Kampfes. Sie fĂŒrchten sich nĂ€mlich oder sind in Aufregung, je nachdem wie das Heer gesungen, und es scheint dies nicht nur aus Worten zu bestehen, als vielmehr ein Einklang zum Ausdruck der Tapferkeit zu sein.

Man trachtet besonders nach der SchÀrfe der Laute und brechendem Getöse. Sie halten nÀmlich die Langschilder vor dem Mund, durch die die Stimme aufgrund des Widerhalls noch voller und lauter anschwillt.

Übrigens glauben auch einige, dass Odysseus auf seiner langen und sagenumwobenen Irrfahrt in diesen Ozean abgeglitten ist und so zu den LĂ€ndern Germaniens gelangte. Asciburgium, das am Ufer des Rheins gelegen ist und bis heute bewohnt ist, soll von jenem gegrĂŒndet und benannt worden sein. Ja sogar einen von Odysseus geweihten Altar, auf dem der Name seines Vaters stand, wurde einst auf demselben Ort gefunden. Auch bestimmte Denk- und GrabmĂ€ler mit Inschriften griechischer Buchstaben soll am Grenzstreifen zwischen Germanien und Raetien bis heute noch zu sehen sein. Weder das bestĂ€rken noch die die Beweise zu widerlegen habe ich im Sinn. Von seinem Standpunkt möge das ein jeder ablehnen oder zustimmen.

Asciburgium: beim Dorf Asberg am Rhein gelegen

Inschriften auf GrabdenkmÀlern: griechische Inschriften sind zwar in Raetien noch nicht gefunden worden. Es liegt aber nahe, dass es trotzdem solche gegeben hat, da man in Tirol und in der Steiermark solche z gefunden hat.

Ipse eorum opinionibus accedo, qui Germaniae populos nullis aliarum nationum conubiis infectos propriam et sinceram et tantum sui similem gentem exstitisse arbitrantur. Unde habitus quoque corporum, quamquam in tanto hominum numero, idem omnibus: truces et caerulei oculi, rutilae comae, magna corpora et tantum ad impetum valida: laboris atque operum non eadem patientia, minimeque sitim aestumque tolerare, frigora atque inediam caelo solove adsueverunt.

Ich selbst stimme der Meinung derer zu, die glauben, dass die Völker Germaniens mit keiner Verbindung mit anderen Nationen durchsetzt ist und dass sie als eigenes, unvermischtes und nur sich selbst Ă€hnliches Volk entstanden sind. Daher ist auch die Gestalt der Körper, obwohl sie eine so große Zahl an Menschen sind, bei allen diesselbe: drohende, blaue Augen, rotblonde Haare und große Körper, die nur zum Überfallen geeignet sind: FĂŒr Arbeit und MĂŒhen haben sie nicht diesselbe Geduld, am allerwenigsten ertragen sie Durst und Hitze, mit KĂ€lte und Hunger wissen sie aufgrund des Klimas oder des Bodens umzugehen.

germanische Siedlungen: Nach archĂ€ologischen Funden war die Gegenden Germaniens sehr stark besiedelt. Trotz der Dichte ist der Sittentypus ĂŒberall einheitlich, egal ob Burgunder, Sachse, Bayer oder Angehöriger eines anderen Stammes.

KörpergrĂ¶ĂŸe: Im Gegensatz zu dem eher kleinen Römer (etwa 1,50 m groß) erschienen die Germanen mit 1,75-1,85 nach Moorfunden als sehr groß.

rötlich-blonde Haar: war von den alten Kulturen eigentlich sehr geschĂ€tzt, selbst Homer stellt Achill, Hector und Menelaos als blond dar. Auch der römische Kaiser Caracalla trug eine blonde PerĂŒcke.

V. Beschaffenheit und Produkte des Landes:

Terra etsi aliquanto specie differt, in universum tamen aut silvis horrida aut paludibus foeda, umidior qua Gallias, ventosior qua Noricum ac Pannoniam aspicit; satis ferax, frugiferarum arborum impatiens, pecorum fecunda, sed plerumque improcera. Ne armentis quidem suus honor aut gloria frontis: numero gaudent, eaeque solae et gratissimae opes sunt. Argentum et aurum propitiine an irati di negaverint dubito, nec tamen adfirmaverim nullam Germaniae venam argentum aurumve gignere: quis enim scrutatus est? Possesione et usu haud perinde adficiuntur. Est videre apud illos argentea vasa, legatis et principibus eorum muneri data, non in alia vilitate quam quae humo finguntur; quamquam proximi ob usum commerciorum aurum et argentum in pretio habent formasque quasdam nostrae pecuniae adgnoscunt atque eligerunt: interiores simplicius et antiquius permutatione mercium utuntur. Pecuniam probant veterem et diu notam, serratos bigatosque, argentum quoque magis quam aurum sequuntur, nulla adfectione animi, sed quia numerus argenteorum facilior usui est promiscua ac villa mercantibus.

Wenn sich das Land auch bedeutend im Aussehen unterscheidet, so zeigt es sich dennoch im gesamten entweder durch seine schreckenserregenden WĂ€lder oder durch seine grauslichen SĂŒmpfe gegen Gallien sehr regnerisch und gegen Noricum und Pannonien sehr windig. Die Saatpflanzungen sind ergiebig, ObstbĂ€ume tragen aber nicht. Es gibt reichlich Kleinvieh aber die meisten Tiere sind kleinwĂŒchsig. Nicht einmal die Rinder haben ihren Schmuck oder Stolz der Stirn: Die Germanen freuen sich an ihrer Zahl, sind sie doch sein einziger und hochgeschĂ€tzer Reichtum. Ob den Besitz von Silber oder Gold ihnen die zornigen Götter versagten, daran zweifle ich. Dass Germanien dennoch keine Ader Gold oder Silber birgt, kann ich nicht behaupten: Wer hat denn danach geforscht? Aus Besitz und Wissen machen sie sich ebenso nichts. Man kann sehen, dass bei jenen eine silberne Vase, die deren Gesandten und FĂŒrsten zum Geschenk gemacht wurden, keine andere WertschĂ€tzung als die irdene Variante besitzt, obwohl die uns nĂ€her gelegenen durch ihre Übung im Handel den Wert von Gold und Silber schĂ€tzen, und gewisse Formen unseres Geldes erkennen sie an und wĂ€hlen es als Zahlungsmittel aus. Die weiter entfernt befindlicheren bedienen sich mit der einfacheren und Ă€lteren Warentausch. Sie anerkennen vor allem alte und lange bekannte Zahlungsmittel, die Zahnraddenare und die ZweigespannsilbermĂŒnzen. Sie wollen auch lieber Silber als Gold, nicht aus Liebhaberei, sondern weil der Wert der Silbernen einfacher fĂŒr die Handhabung ist, weil sie nur einfaches und billiges handeln.

Land: FĂŒr SĂŒdlĂ€nder, die die Römer ja waren, war das kalte Klima in Germanien etwas Abstoßendes.

WĂ€lder: fast alle römischen Schriftsteller sprechen von gewaltigen, undurchdringlichen WĂ€ldern in Germanien. Trotzdem dĂŒrften hier die Römer stark ĂŒbertreiben. Da das Land stark besiedelt war, mussten auch die Tiere von etwas ernĂ€hrt werden. Daraus ist zu schließen, dass schon zur damaligen Zeit Siedlungen auf freiem GelĂ€nde gewesen sein mussten.

SĂŒmpfe: In Nordwestgermanien waren die SĂŒmpfe den römischen Legionen unter Drusus und Germanicus große Schwierigkeiten. Nur mittels MoorbrĂŒcken konnte man sich behelfen.

Erzeugnisse: Nachrichten und Funde bestĂ€tigen den Anbau von Roggen, Gerste, Hafer, Weizen, Erbsen, Wicken, Bohnen, Hanf, Flachs und MohrrĂŒben. Kaiser Tiberius bezog auch mit Vorliebe eine Art von Feldsalat aus Germanien.

Tiere: Germanien hatte Ziege, Schafe, und Rinder. Die Rinder hatten anscheinend keine Hörner.

B) Sitten und Lebensweise der Germanen:

VII,1. FĂŒhrung im Krieg:

Reges ex nobilitate, duces ex virtute sumunt. Nec regibus infinita aut libera potestas, et duces exemplo potius quam imperio, si prompti, si conspicui, si ante aciem agant., admiratione praesunt. Ceterum neque animadvertere neque vincire, ne verberare quidem nisi sacerdotibus permissum, non quasi in poenam nec ducis iussu, sed velut deo imperante, quem adesse bellantibus credunt. Effigiesque et signa quaedam detracta lucis in proelium ferunt.

Könige wĂ€hlt man aufgrund des Adels, FĂŒhrer aufgrund ihrer Tapferkeit. Die Macht der Könige ist nicht uneingeschrĂ€nkt oder grenzenlos und die FĂŒhrer befehligen auch mehr durch ihr Beispiel als durch ihre Macht, wenn sie entschlossen sind, wenn sie im Kampf hervorstechen, wenn sie vor der eigenen Schlachtreihe kĂ€mpfen. Die Bewunderung verschafft ihnen Gehorsam. Übrigens ist außer den Priestern niemand berechtigt, jemanden hinzurichten, zu fesseln oder selbst zu schlagen. Dies alles geschieht nicht wie zur Strafe, noch auf Geheiß der Feldherrn, sondern wie wenn es die Gottheit geböte, von welcher sie glauben, dass sie bei den KĂ€mpfenden gegenwĂ€rtig sei, weshalb sie auch Bildnisse und gewisse aus Hainen hervorgeholte Zeichen mit in die Schlacht nehmen.

König-FĂŒrst-FĂŒhrer: Tacitus kennt bei den Germanen ein Königtum, vielleicht mit sakralem Einschlag. Dies scheint aber mehr die Ausnahme als die Regel. Der Begriff Princeps ist umfassender, genau kann man diesen Begriff nicht ĂŒbertragen. Die Könige, sofern es welche gibt werden von den Adelsbauern gewĂ€hlt.

Königsgewalt: Das absolute Königtum ist den Germanen fremd. Der Germane bannte jede Willensmacht in feste Schranken. Er kannte keine "rechtsfreie" Gewalt. Es gab keine Herrschaft, die nicht zugleich Pflicht gewesen wĂ€re. Auch der König wurde fĂŒr Verbrechen oder Vergehen zur Strafe gezogen.

FĂŒheraufgaben: Die Germanen hatten wenig Sinn fĂŒr Disziplin. Der Kampf lĂ€uft nach dem Motto: "Nicht wohin mich mein FĂŒhrer schickt, sondern wohin er mich fĂŒhrt, werde ich gehen."(Seneca)

Strafen: Harte Strafen spielten im römischen Heer eine wichtige Rolle. Die Strafe bei den Germanen wird zwar vom FĂŒhrer ausgesprcohen, vollzogen aber vom Priester, was sie als gottgewollt erscheinen lĂ€sst.

Bilder und Zeichen: Die effigies sind wohl die aus Holz geschnitzten Bilder von Tieren, die den Göttern heilig sind. Die Zeichen werden die Attribute der Götter sein, wie bei den Griechen die Keule des Herakles, Amboss des Hephaistos,...

IX./X. Die Religion:

Deorum maxime Mercurium colunt, cui certis diebus humanis quoque hostiis litare fas habent; Herculem ac Martem concessis animalibus placant. Pars Sueborum et Isidi sacrificat: unde causa et origo peregrino sacro, parum comperi, nisi quod signum ipsum in modum liburnae figuratum docet advectam religionem. Ceterum nec cohibere parietibus deos neque in ullam humani oris speciem adsimulare ex magnitudine caelestium arbitrantur: lucos ac nemora consecrant deorumque nominibus appellant secretum illud, quod sola reverentia vident.

Von allen Göttern verehren sie Mercur am meisten, dem sie an bestimmten Tagen, wo sie das Recht dazu haben, auch ihre Feinde opfern. Hercules und Mars versöhnen sie mit Tieren, was man noch gestatten kann. Ein Teil der Sueben opfert auch der Isis. Ich erfuhr wenig, woher die Ursache oder der Ursprung fĂŒr diesen fremden Opferkult kommt, außer dieses eine, nĂ€mlich dass das Götterbildnis selbst, das in der Art eines Liburnerschiffs gestaltet ist, darauf hinweist, dass dieser Kult von anderswo zu ihnen gebracht wurde. Übrigens glauben sie, dass sie wegen der GrĂ¶ĂŸe der Himmelsbewohner weder die Götter in GebĂ€uden einschließen noch in irgendeiner bildhaften Form nach menschlichem Anlitz nachformen dĂŒrfen. Sie erklĂ€ren Haine und Waldlichtungen fĂŒr heilig und benennen jene heiligen StĂ€tten, die sie allein durch Ehrfurcht als solche ansehen[???], mit den Namen der Götter.

Mercur: gemeint ist hier wohl Wodan, der oberste Gott der Westgermanen, der wohl wegen dem gleichen Aufgabenbereich mit Mercur gleichgesetzt wurde

Opfertage: Die dafĂŒr vorgesehenen Tage waren wohl FrĂŒhjahrs- und Herbstanfang, da sie großteils nur zwei Jahreszeiten kannten.

Hercules: wird mit dem germanischen Gott Donar gleichgesetzt

Mars: entspricht dem Germangott Tiu, dessen Name hat allerdings dieselbe Wurzel wie Zeus und Iuppiter hat.

Isis: Sie entspricht wohl der Göttin Zisa. Fund einer Àgyptischen Isisstatue in der Oberpfalz könnte diese Aussage bestÀtigen.

Haine: möglicherweise ein Urnenfeld, genaues weiß man nicht ĂŒber diese StĂ€tten

Auspicia sortesque ut qui maxime observant. Sortium consuetudo simplex: virgam frugiferae arbori decisam in surculos amputant eosque notis quibusdam directos super candidam vestem temere ac fortuito spargunt. Mox si publice consultetur, sacerdos civitatis, sin privatim, ipse pater familiae, precatus deos caelumque suspiciens ter singulos tollit, sublatos secundum impressam ante notam interpretatur. Si prohibuerunt, nulla de eadem re in eundem diem consultatio; sin permissum auspiciorum adhuc fides exigitur. Et illud quidem etiam hic notum, avium voces volatusque interrogare: proprium gentis equorum quoque praesagia ac monitus experiri. Publice aluntur isdem nemoribus ac lucis, candidi et nullo mortali opere contacti.; quos pressos sacro curru sacerdos ac rex vel princeps civitatis comitantur hinnitusque ac fremitus observant. Nec ulli auspicio maior fides, non solum apud plabem, sed apud proceres, apud sacerdotes: se enim ministros deorum, illos conscios putant. Est et alia observatio auspiciorum, qua gravium bellorum eventus explorant. Eius gentis, cum qua bellum est, captivum quoquo modo interceptum cum electo popularium suorum patriis quemque armis, comittunt. Victoria huius vel illius pro praeiudicio accipitur.

Weissagung und der Brauch des Losens beachten sie so sehr, wie kein anderen Volk. Ihr Losungsverfahren ist einfach: Sie schneiden einen abgebrochenen Zweig eines Obstbaumes in StĂŒcke und streuen diese, in die sie zuvor noch gewissen Runen hineingeschnitzt haben, zufĂ€llig und aufs gerate Wohl ĂŒber eine weiße Decke. Bald darauf blickt, wenn öffentlich um Rat gesucht wird, ein Priester, wenn aber ein Privatmann, das Familienoberhaupt selbst in den Himmel, betet zu den Göttern, hebt dreimal einzelne auf und deutet die aufgehobenen anhand der zuvor eingekerbten Runen. Sind diese ungĂŒnstig, so ĂŒber diesselbe Sache am selben Tag keine Beratung abgehalten. Wenn sie aber gĂŒnstig ausfallen, dann wird noch die BestĂ€tigung durch ein anderes Vorzeichen gefordert. Und jenes ist freilich auch hier bekannt, das Gezwitscher und den Flug der Vögel zu befragen. Eine Eigenheit dieses Volkes ist es auch, Weissagungen und Ermahnungen von Pferden festzustellen. Von öffentlicher Seite her grasen diesselben in den Hainen und Waldlichtungen. Sie sind strahlend weiß und durch nichts Menschlichem verunreinigt. Diese vor den heiligen Wagen gespannt und von den Priestern und dem König oder dem FĂŒrsten des Volkes begleitet, die das Wiehern und Schnauben der Tiere beobachten. Auf keine Weissagung ist der Glaube grĂ¶ĂŸer nicht nur beim Volk, sondern auch bei den Adeligen und den Priestern. Diese glauben nĂ€mlich, dass sie die Diener der Götter sind, jene aber deren GefĂ€hrten sind. Es gibt auch noch eine Art der Beobachtung von Vorzeichen, durch die man den Ausgang schwerer Kriege erkundet. Man sucht einen Gefangenen dessen Volkes auf irgendeine Art abzufangen, mit dem man im Krieg ist, und stellt ihn mit einem AuserwĂ€hlten des eigenen Volkes zusammen, jeden in den Waffen seines Landes. Der Sieg des einen oder des anderen nimmt man als Vorentscheidung an.

Vorzeichen und Lose: Alle Völker versuchen den Willen der Götter zu erforschen. So taten dies auch die Germanen. Wie auch die sonstigen Sitten der Germanen so war auch das Losen einfach gestaltet im Gegensatz zu den vielfÀltigsten Arten in Rom.

Obstbaum: Es ist vielleicht auch eher ein fruchtragender wilder Baum gemeint.(Buche, Haselnuss, Holunder)

Runen & Zeichen: Ihre Herkunft und ihre Bedeutung sind nach wie vor rÀtselhaft.

Priester: Die Germanen hatten zwar keinen eigentlichen Priesterstand, so greifen sie doch in vielen Dingen in das tÀgliche Leben ein. Sie erforschen den Götterwille, bringen Opfer dar, leiten Kulthandlungen und gebieten Frieden und Krieg an Gottes statt.-

Wiederholungen: Nur in Rom versuchte man durch mannigfaltiges Wiederholen von Auspicien an ein und demselben Tag die Einwilligung der Götter zur Erzwingen.

Pferdeorakel: bezeichnet Tacitus hier fÀlschlicherweise als Eigenheit der Germanen, es war auch bei den Persern bestens bekannt

XI. - XIII. Politische Einrichtungen:

De minoribus rebus principes consultant, de maioribus omnes, ita tamen, ut ea quoque, quorum penes plebem arbitrium est, apud principes praetractentur. Coeunt, nisi quid fortuitum et subitum incidit, certis diebus, cum aut incohatur luna aut impletur.; nam agendis rebus hoc auspicatissimum initium credunt. Nec dierum numerum, ut nos, sed noctium computant. Sic constituunt, sic condicunt: nox ducere diem videtur. Illud ex libertate vitium, quod non simul nec ut iussi conveniunt, sed et alter et tertius dies cunctatione coeuntium absumitur. Ut turba placuit, considunt armati. Silentium per sacerdote, quibus tum et coercendi ius est. imperatur. Mox rex vel princeps, prout aetas cuique, prout nobilitas, prout decus bellorum, prout facundia est, audiuntur, auctoritate suadendi magis quam iubendi postestate. Si displicuit sententia, fremitu aspernantur; sin placuit, frameas concutiunt: honoratissimum adsensus genus est armis laudare.

Bei kleineren Belangen befragen sie ihre FĂŒrsten, bei grĂ¶ĂŸeren alle Stammesglieder, dennoch so, dass auch diese, bei denen der Schiedsspruch in der Hand des gewöhnlichen Volkes liegt, von den FĂŒrsten vorberaten werden. Man kommt nur an bestimmten Tagen, entweder bei Voll- oder Neumond zusammen außer es es geschieht etwas Plötzliches und Unerwartetes. Denn sie halten das fĂŒr einen glĂŒcklichen Anfang fĂŒr ihre TĂ€tigkeiten. Und sie rechnen nicht nach der Zahl der Tage, wie wir, sondern nach den NĂ€chten. So setzen sie Termine fest, so treffen sie Vereinbarungen. Die Nacht scheint den Tag hinter sich her zu fĂŒhren. Einen Fehler hat die Freiheit und zwar, dass man nicht zur selben Zeit, wie nach Geheiß zusammenkommt, sondern auch ein zweiter und ein dritter Tag durch das Zögern der Zusammengekommenen verbraucht wird. Wie es der Volksmasse gefĂ€llt, so lassen sie sich wohlbewaffnet nieder. Stille wird durch die Priester befohlen, die ferner auch das Recht haben, jemanden zu bestrafen. Dann wird ihrem König oder einem FĂŒrsten, der sich je nachdem durch das Alter, durch den hohen Adel, durch die Kriegsehren oder durch die Redefertigkeit auszeichnet, zugehört, mehr durch das Gewicht seines Rates als durch seine Befehlsgewalt. Wenn seine Meinung missfĂ€llt, wird sie mit dumpfem Murren zurĂŒckgewiesen. Wenn sie jedoch gefĂ€llt, dann schlagen sie ihre Wurfspieße zusammen: Die ehrenvollste Art des Zustimmung ist, wenn sie mit den Waffen bezeugt wird.

Principes: HĂ€uptlinge bzw. Angesehensten eines Stammes aufgrund von Alter, Adels und Viehbestand

minder wichtige Dinge: GegenstÀnde der Verwaltung

Wichtigeren Fragen: Entscheidungen ĂŒber Krieg und Frieden, Hochverrat, VertrĂ€ge, Todesstrafen,...

Mond: Die Bedeutung des Voll- und Neumondes fĂŒr Opfer aber auch fĂŒr alltĂ€gliche Dinge bestand auch im alten Griechenland (Hesiod berichtet). Horatius hingegen verspottet diejenigen, die meinen, dass der Mond Einfluss auf den Menschnen und anderen Lebewesen hat. Auch in heutiger Zeit erfreur sich der "Mondkult" ja wieder wachsender Beliebtheit.

Zeitrechnung: Bei den Germanen begann der neue Tag wie bei den Etruskern, Kelten, Griechen, Arabern, etc. mit dem Einbruch der Nacht.

Sitzung: Hier hĂ€lt Tacitus wohl dem Senat den Sittenspiegel vor. Viele Senatoren erschienen erstens unpĂŒnktlich zur Sitzung, zweitens waren viele von ihnen Dauerredner, sodass der Senat immer mehr an Bedeutung fĂŒr Rom verlor. Bei den Germanen wurde UnpĂŒnktlichkeit wohl wie bei den Kelten von den Priestern bestraft, außerdem musste ein Redner bestimmte VorzĂŒge haben: Alter, Adel, Kriegsruhm und nicht zuletzt Redefertigkeit.

Licet apud consilium accusare quoque et discrimen capitis intendere. Distinctio poenarum ex delicto: proditores et transfugas arboribus suspendunt, ignavos et imbelles et corpore infames caeno ac palude, iniecta insuper crate, mergunt. Diversitas supplicii illuc respicit, tamquam scelera ostendi oporteat, dum puniuntur, flagitia abscondi. sed et levioribus delictis pro modo poena: armentorum pecorumque numero convicti multantur, pars multae regi vel civitati, pars ipsi, qui vindicatur, vel propinquis eius exsolvitur. Eliguntur in isdem conciliis et principes, qui iura per pagos vicosque reddunt.; centeni singulis ex plebe comites consilium simul et auctoritas adsunt.

Es ist erlaubt bei den Ratssitzungen jemanden anzuklagen und auch auf die Todesstrafe plĂ€dieren. Der Unterschied der Strafen richtet sich nach dem Vergehen. VerrĂ€ter und ÜberlĂ€ufer hĂ€ngen sie an BĂ€umen auf. Feige, Kriegsscheue, UnzĂŒchtige versenken sie in Schlamm und Sumpf und decken Reisig darĂŒber. Die Verschiedenheit dieser Bestrafung deutet darauf hin, dass man Verbrechen durch die Strafe an das Licht bringen, SchĂ€ndlichkeiten dagegen verhĂŒllen mĂŒsse. Doch auch auf leichtere Vergehen steht eine angemessene Strafe. Die ÜberfĂŒhrten mĂŒssen mit einer bestimmten Zahl von Pferden und Schafen bĂŒĂŸen. Ein Teil der Buße wird dem König oder der Gemeinde, der andere dem Beleidigten selbst oder seinen Verwandten entrichtet. Ferner wĂ€hlt man auch in diesen Versammlungen die HĂ€upter, welche in den Gauen und Dörfern Recht sprechen. Jedem steht ein Geleit von Hundert aus dem Volk zugleich als Rat und zu grĂ¶ĂŸerem Ansehen zur Seite.

Gerichtswesen: Das Strafrecht der Germanen hatte ungeschriebene Gesetze, und zwar die guten Sitten zur Grundlage. Einen Staatsanwalt kannten die Germanen nicht. Wo kein KlÀger war, da kein Richter.

Reisig: Es diente eigentlich nicht zum Bedecken der Leiche an sich, die ja meistens aus dem Sumpf wieder auftauchte, sondern dass der Tote nicht als Geist zurĂŒckkomme. In Norddeutschland und DĂ€nemark hat man eine große Anzahl solcher Moorleichen an verschiedenen Orten gefunden (ca. 60). Aufgrund fehlender Grabbeigaben lĂ€sst sich die Zeit allerdings nur schwer bestimmen.

leichte Vergehen: Dazu zÀhlen bei den Germanen Beleidigung, EigentumsbeschÀdigung, Totschlag in gewissen FÀllen,...

Gaurichter: wurden von der Landesversammlung bestellt und hatten die Aufgabe in den einzelnen Bezirken Recht zu sprechen. Ihnen wurden eine Hunderterschaft (nicht immer 100 Personen) Gemeinfreie zur Seite gestellt.

Nihil autem neque publicae neque privatae rei nisi armati agunt. Sed arma sumere non ante cuiquam moris, quam civitas suffecturum probaverit. Tum in ipso concilio vel principum aliquis vel pater vel propinqui scuto frameaque iuvenem ornant. Haec apud illos toga, hic primus iuventae honos; ante hoc domus pars videntur, mox rei publicae.

Insignis nobilitas aut magna patrum merita principis dignationem etiam adulescentulis adsignant: ceteri robustioribus ac iam pridem probatis adgregantur, nec rubor inter comites adspici. Gradus quin etiam ipse comitatus habet, iudicio eius, quem sectantur; magnaque et comitum aemulatio, quibus primus apud principem suum locus, et principum, cui plurrimi et acerrimi comites. Haec dignitas, hae vires, magno semper electorum iuvenum globo circumdari, in pace decus, in bello praesidium. Nec soium in sua gente cuique, sed apud finitimas quoque civitates id nomen, ea gloria est, si numero ac virtute comitatus emineat; expetuntur enim legationibus et muneribus arnantur et ipsa plerumque fama bella profligant.

Nichts aber, weder von öffentlichen noch PrivatgeschĂ€ften, verhandeln sie anders als bewaffnet. Jedoch erlaubt keinem die Sitte, frĂŒher die Waffen zu tragen, als die Gemeinde ihn dazu bewĂ€hrt gefunden hat. Dann schmĂŒckt den JĂŒngling in der Versammlung selbst entweder eins der HĂ€upter, oder der Vater, oder ein Verwandter mit dem Schilde und der Frame. Das ist ihre Toga, das ist ihr erster Jugendschmuck. Vorher erscheinen sie nur als Glieder der Familie, dann erst als die des Gemeinwesens. Hohe Herkunft oder große Verdienste der VĂ€ter verschaffen auch den unreifen JĂŒnglingen die Anerkennung der HĂ€uptlinge. Die ĂŒbrigen werden den schon KrĂ€ftigeren und lĂ€ngere Zeit BewĂ€hrten beigesellt, und keiner schĂ€mt sich, in einem Gefolge zu erscheinen. Ja, es gibt sogar in der Gefolgschaft selbst Abstufungen nach der Bestimmung dessen, welchem man sich angeschlossen hat; und groß ist sowohl der Wetteifer des Gefolges, wer den ersten Platz bei seinem HĂ€uptling behaupten soll, als auch der der HĂ€uptlinge, wer das zahlreichste und mutigste Gefolge habe. Darin besteht die WĂŒrde, darin ihre Macht, immer von einer großen Schar auserlesener JĂŒnglinge umgeben zu sein, im Frieden zur Ehre, im Kriege zum Schutz. Und nicht bloß in ihrem eigenen Stamme, sondern auch bei den benachbarten Völkerschaften erwerben sie sich damit einen Namen und Ruhm, wenn sie sich durch die Menge ihres Gefolges und durch Tapferkeit hervortun; denn an sie wendet man sich mit Gesandtschaften, sie ehrt man mit Geschenken, und recht oft beseitigen sie Kriege schon durch ihren bloßen Ruf.

Waffen: Eine Stelle Tacitus' die vor allem von den Deutschnationalen vor den beiden Weltkriegen oft missbraucht wurde.

Gefolgschaft: ist bei den Germanen am besten ausgebildet. Man kennt sie aber auch bei den Kelten.

Abstufung: Das Buhlen um den angesehensten Platz beim FĂŒrsten ist auch fĂŒr den makedonischen Hof bezeugt. Der Gefolgschaftsverband konnte sogar dem Sittenverband Abbruch tun.

XVI,1. Dörfer und Wohnsitze:

Nullas Germanorum populis urbes habitari satis notum est, ne pati quidem inter se iunctas sedes. Colunt discreti ac diversi, ut fons, ut campus, ut nemus placuit. Vicos locantnon in nostrum morem conexis et cohaerentibus aedificiis: suam quisque domum spatio circumdat, sive adversus casus ignis remedium sive inscitia aedificandi. Ne caementorum quidem apud illos aut tegularum usus: materia ad omnia utuntur informi et citra speciem aut delectationem. Quaedam loca diligentius inlinunt terra ita pura ac splendente, ut picturam ac lineamenta colorum imitetur.

Dass die Völker der Germanen keine StÀdte bewohnen, ist hinreichend bekannt; sie dulden nicht einmal miteinander verbundene Wohnsitze. Abgesondert und zerstreut wohnen sie, wie ein Quell, ein Feld, ein Hain ihnen eben gefiel. Dörfer legen sie nicht nach unserer Weise an, dass die GebÀude verbunden sind und zusammenhÀngen, sondern jeder umgibt sein Haus mit einem freien Raum, sei es zum Schutze gegen Feuergefahr, sei es aus Unwissenheit in der Baukunst. Nicht einmal Mauersteine und Ziegel sind bei in Gebrauch; zu allem bedienen sie sich rohen Holzes, ohne Schönheit und Anmut. Einige Stellen bestreichen sie sorgfÀltiger mit einer reinen und glÀnzenden Erde, dass sie wie Malerei und Farbenzeichnung aussieht.

Wahl der Siedlung: Der Siedlungsnamen spiegeln noch heute den Siedlungsort wieder. FĂŒr Quelle z.B. -aha, -ach, -brunn, -born, oder -bronn, -bach; fĂŒr Ebene -wang oder -wangen, -feld; fĂŒr den Hain -wald(e), -hain -buch, -loh(e), -linden, -(k)reut, -rode, -brand, -schlag,...

Hausbau: Die Germanen verwendeten zumeist Holz fĂŒr ihre HĂ€user. Sie bauten aber kaum BlockhĂ€user, sondern nutzten sie zum Fachwerkbau.

XVIII/XIX. Die Ehe

Quamquam severa illic matrimonia, nec ullam morum partem magis laudaveris. Nam prope soli barbarorum singulis uxoribus contenti sunt, exceptis admodum paucis, qui ob nobilitatem pluribus nuptiis ambiuntur.

Dotem non uxor marito, sed uxori maritus offert. Intersunt parentes et propinqui ac munera non ad delicias muliebres quaesita nec quibus nova nupta, sed boves et frenatum equum et scutum cum framea gladioque, in haec munera uxor accipitur, atque invicem ipsa armorum aliquid viro adfert: noc maximum vinculum,haec arcana sacra, hos coniugales deos arbitrantur, ne se mulier extra virtutum cogitationes extraque bellorum casus putet, ipsis incipientis matrimonii auspiciis admonetur venire se laborum periculorumque sociam, idem in pace, idem in proelio passuram ausuramque: hoc iuncti boves, hoc paratus equus, hoc data arma denuntiant. Sic vivendum, sic pereundum: accipere se, quae liberis inviolata ac digna reddat, quae nurus accipiant rursusque ad nepotes referantur.

Gleichwohl sind die Ehen dort sehr streng und in keinem Teil der Sitten die Germanen noch mehr loben. Denn sie sind beinahe als einzige der Barbaren nur mit einer Gattin verheiratet mit ganz wenigen Ausnahmen: Denn( nicht aus Sinnlichkeit), sondern wegen ihres Adels werden sie zu mehreren Hochzeiten beworben.

Die Mitgift bietet nicht die Gattin dem Ehemann, sondern der Gatte der Ehefrau. Dabei sind Eltern und Verwandte und prĂŒfen die Geschenke, die nicht zur Freude der Frau ausgesucht wurden und nicht um die Ehefrau zu schmĂŒcken, sondern es handelt sich um Rinder, ein gezĂ€umtes Pferd und ein Schild mit Wurfspieß und Schwert. Gegen diese Geschenke empfĂ€ngt der Mann die Gattin und diese selbst bringt andererseits dem Mann eine Waffe. Das ist das stĂ€rkste Band, das ist die geheimnisvolle Weihe, das die Schutzgötter der Ehe. Und damit die Frau nicht glaubt, dass sie von EntschlĂŒssen zu tapferen mĂ€nnlichem Handeln und dem UnglĂŒcksfall des Krieges ausgeschlossen sei, wird sie, nachdem sie in das Unternehmen der Ehe eingetreten ist, ermahnt, dass sie als Genossin von Leiden und Gefahren komme und dass sie das Gleiche im Frieden, das Gleiche im Kampfe zu tragen und zu wagen. Dies kĂŒndigen ihr die zusammengespannten Rinder, dieses das aufgespannte Ross, dies sie ĂŒberreichten Waffen an, die ihr gegeben werden. Damit muss sie leben, damit sterben.; sie empfĂ€ngt, was sie ihren Kindern unentweiht ĂŒbergeben muss, und was wert ist, dass ihre Schwiegertöchter es empfangen und es auch auf die Enkeln komme.

Ehe: Mit der Heiligkeit der Ehe, einem alten Grundpfeiler römischer Tradition, war es seit dem 1. Jhdt. v. Chr. schlecht bestellt. Auch das Ehegesetz des Augustus (bekannt als "das Julische")half da nichts. So spottete Martial: "Seit das julische Gesetz der Welt wieder beschert und die Keuschheit in die Familien hineinkommandiert ist, heiratet Telesilla in kaum dreißig Tagen ihren zehnten Mann". Auch Seneca erklĂ€rte, dass trotz dieses Gesetzes, gewisse Frauen die Jahre nicht nach den Konsuln, sondern nach den gewechselten Gatten rechneten. Einziger BefĂŒrworter ist der ĂŒberzeugte Junggeselle Horatius, der meint dass das Gesetz die Strafe auf dem Fuße folgen lasse.

Mitgift: Hier hat Tacitus die von Horatius so kritisierten kniffig eingefĂ€delten Geldheiraten in Rom im Auge. Die Mitgift bei den Germanen blieb normalerweise Eigentum der Frau. Die Werbung erfolgte aber der Sitte gemĂ€ĂŸ beim Vater. Das MĂ€dchen wurde aber in der Regel gefragt, ehe die Entscheidung fiel. Fiel diese positiv aus, so erhielt der Mann auch von ihr eine Mitgift, in diesem Text durch die Waffe ausgedrĂŒckt.

Ergo saepta pudicitia agunt, nullis spectaculorum illecebris, nullis conviviorum irritationibus coruptae. Litterarum secreta viri pariter ac feminae ignorant. Paucissima in tam numerosa gente adulteria, quorum poena praesens et maritis permissa: abscisis crinibus, nudatam, coram propinquis expellit domo maritus ac per omnem vicum verbere agit. Publicatae pudicitiae nulla venia: non forma, non aetate, non opibus maritum invenerit. Nemo enim illic vitia ridet, nec corrumpere et corrumpi saeculum vocatur. Melius quidem adhuc eae civitates, in quibus tantum virgines nubunt et cum spe votoque uxoris semel transigitur. Sic unum accipiunt maritum, quo modo unum corpus unamque vitam, ne ulla cogitatio ultra, ne longior cupiditas, ne non maritum, sed tamquam matrimonium ament. Numerum liberorum finire aut quemquam ex adgnatis necare flagitium habetur, plusque ibi boni mores valent quam alibi bonae leges.

So leben sie in denn in wohlbehĂŒteter Keuschheit, und durch keine Lockungen von Schauspielen, keine Reizungen von GastmĂ€hlern verfĂŒhrt. Die Heimlichkeiten der Briefe sind den MĂ€nnern so gut wie den Frauen unbekannt. Sehr selten fĂŒr ein so zahlreiches Volk ist der Ehebruch, dessen Bestrafung unverzĂŒglich geschieht und den Gatten ĂŒberlassen bleibt. Vor den Augen ihrer Verwandten jagt sie der Ehemann, entblöst und mit abgeschnittenem Hupthaare, aus dem Hause und treibt sie mit einer Geißel durch das ganze Dorf. Preisgegebener Keuschheit gewĂ€hrt man vollends keine Verzeihung; nicht durch Schönheit, nicht durch Jugend, nicht durch Reichtum fĂ€nde ein solches Weib einen Mann. Denn hier lacht niemand ĂŒber Laster und verfĂŒhren und sich verfĂŒhren lassen, nennt man nicht den Geist der Zeit. Noch besser freilich sind VolksstĂ€mme, in welchen nur Jungfrauen sich verheiraten, und es mit der Hoffnung und bei dem GelĂŒbde der Gattin bei einem Male sein Bewenden hat. So empfangen sie nur einen Mann, wie nur einen Leib und ein Leben, sodass kein Gedanke darĂŒber hinaus, kein Verlangen weiter reicht, und sie nicht sowohl den Ehemann in ihrem Gatten lieben als die Ehe selbst. Die Zahl der Kinder zu beschrĂ€nken oder irgend einen von den Nachgeborenen zu töten, wird fĂŒr eine Missetat gehalten, hier vermögen gute Sitten mehr als anderswo gute Gesetze.

GastmĂ€hler: Auf GastmĂ€hler in Rom konnte man sich allen Belustigungen hingeben. Oft wurde absichtlich soviel gevöllt, dass man Erbrechen musste, um anschließend schnell weiter große Mengen essen und trinken zu können.

Ehebruch: Im Gegensatz zu den Römern, musste sich bei den Germanen der Mann selbst um die Bestrafung der Frau kĂŒmmern

oftmaliges Heiraten: war in Rom normalerweise kein Problem. Bei den Germanen fanden zweifelhafte Frauen keinen Ehemann mehr.

VerfĂŒhren: war in Rom durchaus beliebt. Die Germanen hatten aber schon unter Tiberius Angst, dass die römischen Sitten auf ihr Volk abfĂ€rben könnten, so berichtet Florus.

Kinderzahl: In Rom war es gang und gĂ€be die Kinderzahl wie auch in heutiger Zeit möglichst gering zu halten. Zwei Kinder waren oft schon das Maximum, das sich römische Familien leisteten. Außerdem kannten die Römer schon Formen der EmpfĂ€ngnisverhĂŒtung.

Sitten-Gesetze: Eine der hÀrtesten Kritiken des Tacitus am römischen Staat.

XXIII. Essen und Trinken:

Potui umor ex hordeo aut frumento, in quandam similitudinem vini corruptus: proximi ripae et vinum mercantur. Cibi simplices, agrestia poma, recens fera aut lac concretum: sine apparatu, sine blandimentis expellunt famem. Adversus sitim non eadem temperantia. Si indulseris ebrietati suggerendo quantum concupiscunt, haud minus facile vitiis quam armis vincentur.

Zum GetrĂ€nk dient ihnen ein Aufguss auf Gerste oder Korn, die zu einer Art Wein gegoren ist. Die nĂ€chsten Uferanwohner erhandeln auch Wein. Ihre Speisen sind einfach: wildes Obst, frisches Wild oder geronnene Milch. Ohne besondere Zubereitung und ohne Leckereien vertreiben sie den Hunger. Gegen den Durst haben sie nicht diesselbe Selbstbeherrschung. Wollte man ihrer Trinksucht willfahren, indem man ihnen gĂ€be, soviel sie begehrten, so wĂŒrden sie mindestens eben so leicht durch Laster, als durch Waffen zu besiegen sein.

Aufguss auf Gerste und Wein: Bier. Das GetrÀnk kannten schon die alten Babylonier.

Wein: gab es am Rhein und an der Mosel auch schon vor Kaiser Probus (280). Der Genuss von Wein war den Sueben verboten, die aber nicht unmittelbar an das römische Reich grenzten. Die Einfuhr römischen Weins kann aber auch weit ins Landesinnere verfolgt werden.

Obst: gemeint sind wohl Eicheln, Bucheckern, wilde Beeren, Holunder. HaselnĂŒsse, Schlehen, Holzbirnen etc.. Gartenbau wurde von den Germanen eher nicht betrieben.

Wildbret: CĂ€sar und Plinius berichten, dass die Germanen vorzugsweise zum Nahrungserwerb jagten. Vor allem Elch, Wisent, BĂ€r, Eber und Fuchs wurden erlegt.

B. Ethnographischer Teil - Die Sueben:

XXXVIII. - XL. Der Kern der Sueben:

Nunc de Suebis dicendum est, quorum non una, ut Chattorum Tenecterorumve, gens; maiorem enim Germaniae partem obtinent, propriis adhuc nationibus nominibusque discreti, quamquam in commune Suebi vocentur. Insigne gentis obliquare crinem nodoque substringere: Sic Suebi a ceteris Germanis, sic Sueborum ingenui a servis seperantur. In aliis gentibus - seu cognatione aliqua Sueborum seu, quod saepe accidit, imitatione - rarum et intra iuventae spatium: apud Suebos usque ad canitiem horrentem capillum retorqunt, ac saepe in ipso vertice religant; principes et ornatiorem habent. Ea cura formae, sed innoxia; neque enim ut ament amenturve, in altitudinem quandam et terrorem adituri bella comptius hostium oculis ornantur.

Nun muss noch ĂŒber die Sueben gesprochen werden, die nicht ein ganzes Volk sind, wie die Catten oder Tencterer. Sie besitzen nĂ€mlich einen großen Teil Germaniens und werden bis heute aufgrund ihrer eigenen UnterstĂ€mme mit verschiedenen Namen unterschieden, obwohl sie in ihrer Gesamtheit Sueben genannt werden. Hervorstechende ist dass sie das Haar zurĂŒckstreichen und zu einem Knoten aufbinden. So unterscheiden sich die Sueben von den ĂŒbrigen Germanen, so die freien Sueben vor den Sklaven. Bei anderen Völkern kommt dieser Brauch auch vor - sei es durch irgendeine Verwandtschaft zu den Sueben, sei es, wie es oft vorkommt, durch Nachahmung. Aber er ist eher selten und auf die Jugendzeit beschrĂ€nkt: Bei den Sueben streichen sie bis ins hohe Alter das struppige Haar zurĂŒck und binden es oft auf dem Scheitel auf. Die FĂŒrsten haben auch mehr Kopfschmuck. Das ist ihre Sorge um das Aussehen, aber sie ist harmlos. Denn sie sind nicht um zu lieben oder geliebt zu werden geschmĂŒckt, sondern gleichsam fĂŒr des Feindes Augen, wenn sie in den Krieg ziehen wollen, zu einer gewissen Hoheit und zum Schrecken aufgeputzt.

Haarknoten: Die Haare der Germanen waren ĂŒppig, meist strĂ€hnig oder leicht wellig. Den Brauch des Haarknotens haben auch andere StĂ€mme ĂŒbernommen.

Sueben (=Sueven, Sweben, griech. Soeben): germanischer Volksstamm, der auch zur Völkerwanderungszeit noch sehr stark ist. Es gibt aber auch zu dieser Zeit mehrere Untergruppen. (Geschichte der Sueben - Isidorus v. Sevilla)

Der Name ist erhalten in Schwaben und soll die "Schweifenden" bedeuten.

Kopfschmuck der FĂŒrsten: Bei den Römern spielten Haarstreichen und Haarschmuck oft eine wichtige Rolle bei LiebestĂ€ndeleien. Die SuebenfĂŒrsten wollten durch ihren hohen Haarschmuck aber nicht Liebe erwecken, sondern dem Feind am Beginn der Schlacht furchtbar erscheinen.

Vetustissimos nobilissimosque Sueborum Semnones memorant; fides antiquitatis religione firmatur. Stato tempore in silvam auguriis patrum et prisca formidine sacram omnes eiusdem sanguinis populi legationibus coeunt caesoque publice homine celebrant barbari ritus primordia. Est et alia luco reverentia: nemo nisi vinculo ligatus ingreditur, ut minor et potestatem numinis prae se ferens. Si forte prolapsus est, attoli et insurgere haud licitum: per humum evolvuntur. Eoque omnis superstitio respicit, tamquam inde initia gentis ibi regnator omnium deus, cetera subiecta atque parentia. Adicit auctoritatem fortuna Semnonum: centum pagis habitant, magnoque corpore efficitur, ut se Sueborum caput credant.

Die Sueben wĂ€hnen sich als die Ă€ltesten und vornehmsten Sueben. Der Glaube an dieses hohe Alter wird durch ihren Kult noch verstĂ€rkt. Zu einem festgesetzten Zeitpunkt kommen Gesandtschaften von blutsverwandten Völkern in einem Wald, der durch die Weissagungen der VĂ€ter und durch alteingewurzelte Scheu heilig ist, zusammen und feiern mit einem Menschenopfer öffentlich den schaurigen Ursprung dieses barbarischen Kultes. Diesem Hain wird auch eine weitere Verehrung zuteil: Niemand außer in Fesseln gebunden darf ihn betreten, damit auch der Geringe Ehrfurcht vor den Göttern darlege. Wenn man auf ein Mal zusammenfĂ€llt, so ist es nicht erlaubt, sich zu erheben und aufzustehen. Über den Boden werden sie weggewĂ€lzt. Da von hier der Ursprung des Volkes ausgegangen ist, hier wo Gott sich als Herrscher ĂŒber alle Völker sich befindet, dem das ĂŒbrige untergeben ist und gehorcht, deshalb weist auch ihr ganzer Aberglaube auf dieses Ereignis zurĂŒck.

Dieser Brauch der Semnonen vermehrte auch ihr Ansehen: Sie bewohnen hundert Dörfer und aufgrund ihres großen Körperbaus wird auch verstĂ€rkt geglaubt, dass sie das Haupt der Sueben sind.

Semnonen: lebten in der Lausitz (Lausitzer Kultur)und wanderten unter Caracalla an den Limes und sind vom dritten bis zum 5. Jhdt. als Alemannen bekannt.

Wald: bekannt unter dem Namen "Semana"" bei PtholemÀus. Der "Fesselwald" wird auch unter fjoturlunt in altnordischen Liedern bestÀtigt.

Ursprung des Volkes: Aufgrund archÀologischer Funde und dieser Tacitus-Bezeugung wird angenommen, dass die Urgermanen sich von den westlichen RÀndern der Ostsee verbreiteten.

Gott: wird wohl der allmÀchtige Gott Ase sein, der so alt ist wie die Alten selbst, also Odin. Die StÀtte des Kultes, der vielleicht 100 Jahre vor Tacitus von Norden hergebracht sein mag, verblieb der Heimat auch dann, als sich das Hauptvolk weiter verbreitete und verzweigte.

Quelle: Tacitus muss fĂŒr seinen Bericht ĂŒber die Semnonen eine gute Quelle gehabt haben. Ein SuebenfĂŒrst Masva ist zu seiner Zeit ( im Jahre 91, so Cassius Dio) in Rom gewesen. Diese Gelegenheit wird er genutzt haben.

Contra Langobardos paucitas nobilitat: plurimis ac valentissimis nationibus cincti non per obsequium, sed proeliis ac periclitando tuti sunt.

Reudigni deinde et Aviones et Anglii et Varini et Eudoses et Suardones et Nuitones fluminibus aut silvis muniuntur. Nec quicquam notabile in singulis, nisi quod in commune Nerthum, id est Terram matrem, colunt eamque intervenire rebus hominum, invehi populis arbitrantur. Est in Insula Oceani castum nemus, dicatumque in eo vehiculum, veste contectum; attingere uni sacerdoti concessum. Is adesse penetrali deam intellegit vectamque bubus feminis multa cum veneratione prosequitur. Laeti tunc dies, festa loca, quaecumque adventu hospitioque dignantur. Non bella ineunt, non arma sumunt; clausum omne ferrum; pax et quies tunc tantum nota, tunc tantum amata, donec idem sacerdos satiatam conversatione mortalium deam templo reddat. Mox vehiculum et vestis et, si credere velis, numen ipsum secreto lacu abluitur. Servi ministrant, quos statim idem lacus haurit. Arcanus hinc terror sanctaque ignorantia, quid est illud, quod tantum perituri vident.

Dagegen macht die Langobarden die geringe Anzahl berĂŒhmt: Sie sind von sehr großen und sehr mĂ€chtigen StĂ€mmen umzingelt und sind trotzdem nicht wegen ihrer UnterwĂŒrfigkeit, sondern durch ihre Schlachten und ihre KĂŒhnheit unangefochten.

Die Reudigner und hierauf die Avionen, Angeln, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuitoner werden durch FlĂŒsse und WĂ€lder geschĂŒtzt. Und bei den einzelnen ist nichts bemerkenswert außer, dass sie zusammen Nertus, das heißt die Mutter Erde verehren und glauben, dass sie sich in die Angelegenheiten der Menschen mischt und zu den Völkern auf Besuch fĂ€hrt. Auf einer Insel des Ozeans befindet sich ein heiliger Hain, auf dem sich ein geweihtes Fuhrwerk befindet. in eine Decke gehĂŒllt. Nur einem, dem Priester, ist es erlaubt, es zu berĂŒhren. Dieser bemerkt auch, ob die Göttin sich im Heiligtum befindet und gibt ihrem von KĂŒhen gezogenem GefĂ€hrt mit Ehrfurcht das Geleit. Nun sind die Tage froh, festlich die StĂ€tten, wo auch immer sie bei ihrer Ankunft mit Gastfreundschaft gewĂŒrdigt wird. Sie beginnen nun keinen Krieg und sammeln nicht ihre Waffen zusammen. Das ganze Eisen bleibt in der Scheide. Ruhe und Frieden kennt man nur jetzt, nur jetzt liebt man, solange bis derselbe Priester die Göttin, wenn sie gesĂ€ttigt des Verkehrs mit den Sterblichen ist, in das Heiligtum zurĂŒckbringt. Bald wird das GefĂ€hrt und die Decke und, wenn du es glauben willst, sie Gottheit selbst in einem abgelegenen See gewaschen. Die Sklaven dienen ihr, welche sogleich derselbe See verschlingt. Daher dieses geheimnisvolle Grauen und die heilige Unkenntnis, was jenes sei, das nur die Todgeweihten anschauen.

Langobarden: Vom Ursprung der Langobarden erzĂ€hlt eine einheimische Überlieferung. Sie steht vor dem Edikt des Königs Rotharis (nach 643). Sie lebten wahrscheinlich rechts der unteren Elbe, wohin sie wohl 100 v. Chr. von Mecklenburg aus vorgedrungen waren. SpĂ€ter saßen sie auch links des Flusses im LĂŒneburgischen als Nachbarn der Chatten. Unter Kaiser Tiberius leisteten sie den Römern krĂ€ftig Widerstand, als sie die Elbe hinauffuhren. Der Name wird als "lange BĂ€rte" gedeutet, auch von ihrem Geschichtsschreiber Paulus Diaconus (8.Jhdt.).

Nerthusvölker: Die sieben durch den Nerthuskult zusammengehörigen StÀmme wohnten nördlich von Hamburg in Schleswig-Holstein.

Reudigner: Sachsen

Avionen: von aviones = Inselbewohner = Inselsachsen

Wariner: heute im Namen Werner enthalten. Sie vereinigten sich mit den ThĂŒringern.

andere Völker: nur die Namen bekannt

XLI. - XLII. Donausueben - SĂŒdgermanen:

Et haec quidem pars Sueborum in secretiora Germaniae porrrigitur. Propior, ut, quo modo paulo ante Rhenum, sic nunc Danuvium sequar, Hermundurorum civitas, fida Romanis; eoque solis Germanorum non in ripa commercium, sed penitus atque in splendissima Raetiae provinciae colonia. Passim sine custode transeunt; et cum ceterisgentibus arma modo castraque nostra ostendamus, his domos villasque patefecimus non concupiscentibus. In Hermunduris Albis oritur, flumen inclutum et notum olim; nunc tantum auditur.

Und dieser Teil der Sueben nĂ€mlich erstreckt sich auch in abgelegenere Gebiete Germaniens. Am nĂ€hesten liegt, um so jetzt der Donau zu folgen, wie ein wenig zuvor dem Rhein, das Volk der Hermunduren, in Treue zu den Römern. Und daher haben sie alleinig von allen Germanen Handel mit uns nicht nur am Fluss, sondern auch weiter im Landesinneren in der hervorragendsten Ansiedlung der raetischen Provinz. Überall können sie ohne Bewachung die Grenze passieren. Und wĂ€hrend wir den ĂŒbrigen Völker nur unsere Waffen und Kastelle zeigen, eröffnen wir ihnen ohne dass sie es verlangten, unsere HĂ€user und Landsitze. Bei den Hermunduren entspringt der Albis, ein einst berĂŒhmter und sehr bekannter Fluss. Nun hört man nur noch von ihm.

Hermunduren: von "irmin" = "groß" und "duren" = "wagen". Sie wohnten von der Saale und Elbe (Leipzig) bis zum Donauknie bei Regensburg.

glÀnzende Koloniestadt: Augusta Vindelicorum, heute Augsburg

Albis: Elbe, Tiberius versuchte auf ihr mit den Schiffen 6 n. Chr flußaufwĂ€rts zu fahren, er wurde jedoch von den Langobarden in die Flucht geschlagen.

Iuxta Hermunduros Varisti ac deinde Marcomani et Quadi agunt. Praecipua Marcomani et Quadi agunt. Praecipua Marcomanorum gloria viresque, atque ipsa etiam sedes pulsis olim Boiis virtute parta. Nec Varisti Quadive degenerant. Eaque Germaniae velut frons est, quatenus Danuivio praecingitur. Marcomanis Quadisque usque ad nostram memoriam reges manserunt ex gente ipsorum, nobile Marobodui et Tudri genus: Iam et externos patiuntur, sed vis et potentia regibus ex auctoritate Romana. Raro armis nostris, saepius pecunia iuvantur, nec minus valent.

Anschließend an die Hermunduren treiben die Varister und hierauf Markomannen und Quaden ihr Unwesen. Der vorzĂŒgliche Ruf der Markomannen und ihre Macht und auch ihre Sitze selbst - nachdem sie die Boier vertrieben hatten - wurden durch ihre Tapferkeit von ihnen erworben. Die Varisten oder die Quaden schlagen auch nicht aus der Art. Diese Völker sind gleichsam die Stirn Germaniens, solange sie von der Donau zum Reich hin abgegrenzt sind. Mit den Markomannen und Quaden bleiben uns bis in die heutige Zeit Könige von denselben Völkern in Erinnerung, das vornehme Geschlecht des Marobuus und des Tudrus. Nun aber dulden sie auch fremde Herrschaft, aber ihre Kraft und ihre Herrschaft erhalten die Könige von der römischen Vollmacht. Sie werden zwar nur selten durch unsere StreitkrĂ€fte unterstĂŒtzt, dafĂŒr öfter durch Geld, und sie sind daher nicht weniger stark.

Varisten: auch unter Naristen bekannt. Der Name bedeutet soviel wie "die Mannhaftesten". Sie lebten wohl an der Donau bei Regensburg und nördlich in der Operpfalz

Markomannen: = "GrenzmĂ€nner". Sie sind wohl aus Schweden gekommen, siedelten sĂŒdlich des setschen Mittelgebirges und gehören zu den Sueben. SpĂ€ter: Markomannenkrieg des Marc Aurel

Marbod: in Rom gebildeter markomannischer König. Er fĂŒhrte sein Volk nach dem Sturz des zur Unterwerfung neigenden Königs Tudrus nach Böhmen. 17 n. Chr. geht sein Reich zugrunde und er sucht bei den Römern Schutz.

Quaden: = "Die Schlimmen". heute im Namen Werner enthalten. Sie vereinigten sich mit den ThĂŒringern.

andere Völker: nur die Namen bekannt

XLIII. Völker zwischen Oder und Weichsel:

Retro Marsigni, Cotini, Osi, Buri terga Marcomanorum Quadorumque claudunt. E quibus Marsigni et Buri sermone cultuque Suebos referunt: Cotinos Gallica, Osos Pannonica lingua coarguit non esse Germanos et quod tributa patiuntur. Partem tributorum Sarmatae, arem Quadi ut alienigenis imponunt. Cotini, quo magis pudeat, et ferrum effodiunt. Omnesque hi populi pauca campestrium, ceterum saltus et vertices montium insederunt. Dirimit enim scinditque Suebiam continuum montium iugum, ultra quod plurimae gentes agunt, ex quibus latissime patet Lugiorum nomen in plures civitates diffusum. Valentissimas nominasse sufficiet, Harios, Helveconas, Manimos, Elisios, Nahanarvalos. Apud Nahanarvalos antiquae religionis lucus ostenditur. Praesidet sacerdos muliebri ornatu, sed deos interpretatione Romana Castorem Pollucemque memorant. Ea vis numini, nomen Alcis, nulla simulacra, nullum peregrinae superstitionis vestigium; ut fratres tamen, ut iuvenes venerantur. Ceterum Harii super vires, quibus enumeratos paulo ante populos antecedunt, truces insitae feritate arte ac tempore lenocinantur.: nigra scuta, tincta corpora; atras ad proelia noctes legunt ipsaque formidine atque umbra feralis exercitus terrorem inferunt, nullo hostium sustinente novum ac velut infernum adspectum; nam primi in omnibus proeliis oculi vincuntur.

Trans Lugios Gotones regnantur, paulo iam aducitus quam ceterae Germanorum gentes, nondum tamen supra libertatem. Protinus deinde ab Oceano Rugii et Lemovii; omniumque harum gentium insigne rotunda scuta, breves gladii et erga reges obsequium.

Im Hinterland schließen die Marsignier, die Cotiner, die Osen und die Buren die Gebiete der Markomannen und Quaden ab. Von diesen spiegeln die Marsignier und die Buren die Sueben in Sprache und Lebensgewohnheit wider. Dass die Cotiner wegen ihrer gallischen Sprache und die Osen wegen ihrer pannonischen keine Germanen sind, ist einwandfrei erwiesen, auch oder gerade deshalb weil sie Tribut leisten. Einen Teil des Tributs legen ihnen die Sarmaten, einen Teil die Quaden als Stammesfremde auf. Die Cotiner fördern - was noch mehr beschĂ€mt - Eisen. Und alle diese Völker bewohnen nur wenig Flachland, das ĂŒbrige sind nĂ€mlich Wald und Berggipfel. Ein ununterbrochener Bergzug nĂ€mlich unterbricht und spaltet Suebia. Über diesen hinaus treiben sich sehr viele Völker herum, von denen sich der Name der Luger, der sich seinerseits wieder auf viele Volkschaften ausgebreitet hat, am weitesten erstreckt: Ich vermag es, die wichtigsten zu nennen, die Harier, die Helveconer, die Manimer, die Elisier, die Nahanarvalen. Bei den Naharnavalen wird ein Hain eines alten Kultes bezeigt. Ein Priester in weiblichem KostĂŒm leitet das Geschehen, aber als Götter verehrt man Castor und Pollux. Das ist das Wesen der Götter, ihr Name ist Alcis. Es gibt jedoch keine Bilder und Spuren eines fremden Kultes. Dennoch werden sie wie die BrĂŒder, wie diese beiden JĂŒnglinge verehrt. Übrigens fördern die schrecklichen Harier ĂŒber ihre Streitkraft, an der sie die ein wenig zuvor aufgezĂ€hlten Völker ĂŒbertreffen, hinaus noch die angeborene Wildheit, durch Malerei und die gewĂ€hlte Tageszeit: Schwarz sind ihre Langschilde, bemalt ihr Körper; fĂŒr ihre KĂ€mpfe wĂ€hlen sie dunkle NĂ€chte und flĂ¶ĂŸen schon mit ihrem grauenhaften Aussehen selbst und dem Schatten ihres todbringenden Heeres Schrecken ein. Keiner der Feinde hĂ€lt den unheimlichen und gleichsam höllischen Blick aus. Denn in allen Schlachten unterliegen zuerst die Augen.

Jenseits der Lugier werden die Gotonen von Königen beherrscht, schon ein wenig strenger als die ĂŒbrigen Völker der Germanen, aber dennoch geht das Maß noch nicht ĂŒber das, was man noch Freiheit nennen kann, hinaus. Darauf folgen unmittelbar am Ozean Rugier und Lemovier. Ein Kennzeichen aller dieser StĂ€mme sind die Rundschilde, die kurzen Schwerter und die WillfĂ€hrigkeit gegenĂŒber den Königen.

Marsigner: nur von Tacitus erwÀhnt

Kotiner: wurden im Jahre 14 v.Chr. von den Römern unterworfen. Es handelt sich wohl um einen versprengten Rest

Oser: Rest der zuvor ganz Pannonien erfĂŒllenden Nordillyrer, sie leben nördlich der Donau.

Buren: Sie waren zur Zeit Trajans Bundesgenossen der Daker.

Gebirge: wohl das östliche Herzynische Gebirge, also Erzgebirge und Sudeten.

Lugier: nichts genaues bekannt, Unterstamm der Vandalen ?

Naharnawaler: bedeutet soviel wie "TotenkÀmpfer", wahrscheinlich ebenfalls ein vandalischer Stamm.

Hain: So ein Hain wird von Hekataios auch in Britannien erwÀhnt

Gotonen: oder Goten, sind das bedeutendste Volk der Ostgermanen, saßen zu dieser Zeit an der unteren Weichsel

Rugier: nach ihnen ist wohl die Insel RĂŒgen benannt, sie wohnten aber auch weiter östlich an der KĂŒste.

Kurzschwerter: Fund von einschneidigen ca. 60 cm langen Schwertern in Schlesien it bestĂ€tigt. Gehorsam: Je weiter nördlich ein Volk sich befand, desto roher waren die StĂ€mme und desto grĂ¶ĂŸer der Knechtssinn.

XLIV. Swionen - Skandinavien:

Suionum hinc civitates, ipso in Oceano, praeter viros armaque classibus valent. Forma navium eo differt, quod utrimque prora paratam semper adpulsui frontem agit. Nec velis ministrant nec remos in ordinem lateribus adiungunt: solutum, ut in quibusdam fluminum, et mutabile, ut res poscit, hinc vel illinc remigium. Est apud illos et opibus honos, eoque unus imperitat, nullis iam exceptionibus, non precario iure parendi. Nec arma, ut apud ceteros Germanos, in promiscuo, sed clausa sub custode, et quidem servo, quia subitos hostium incursus prohibet Oceanus; otiosae porro armatorum manus facile lasciviunt: enimvero neque nobilem neque ingenuum, nec libertinum quidem armis praeponere regioa untilitas est.

Suionibus Sitonum gentes continuantur. Cetera similes uno differunt, quod femina dominatur: in tantum non modo a libertate, sed etiam a servitute degenerant.

Diesen folgt die Volkschaft der Suionen, im Ozean selbst gelegen. Neben Kriegern und Waffen haben sie auch eine starke Flotte. Die Form der Schiffe unterscheidet sich deshalb, weil es sie auf beiden Seiten so bereitet ist, dass immer die Stirn landet. Weder Segel bedienen sie, noch binden sie die Ruder auf den Seiten in der Reihe fest: Lose, wie auf manchen FlĂŒssen ist das Ruderwerk, und beweglich, wie es die Lage eben erfordert, bald hier, bald dort. Bei jenen ist auch Reichtum eine Ehre und deshalb herrscht immer einer, schon unumschrĂ€nkt in einer nicht erbetenen Herrschaft mit dem Zwang zu gehorchen. Auch die Waffen sind nicht wie bei den ĂŒbrigen Germanen in der Gemeinschaft, sondern weggesperrt unter Bewachung und zwar durch einen Sklaven, weil der Ozean die Untergebenen ja vor einem plötzlichen Angriff der Feinde abhĂ€lt. Weiters sind unnötige HĂ€nde leicht ausgelassen. TatsĂ€chlich ist diese Vorschrift, dass weder ein Vornehmer noch ein Freigeborener, nicht einmal ein Freigelassener die Waffen beaufsichtigen darf, ein Vorteil fĂŒr den König.

An die Suionen folgen die StĂ€mme der Suitonen: Sie unterscheiden sich nur in einem, dass eine Frau ĂŒber sie herrscht.: Nicht nur allein Freiheit sondern auch der Sklavschaft erweisen sie sich dadurch als unwĂŒrdig!

Suiones: Sammelname fĂŒr die Bewohner Skandinaviens

Seewesen: Das Seewesen der Nordvölker ist - schon vor den NormannenzĂŒgen - eine anerkannte Tatsache

Schiffe: solch kleine, wendige Schiffe erwiesen sich in den Fjorden Skandinaviens als leichter manövrierbar als die schwerfÀlligen Trieren der Römer und Griechen

Sitonen: haben wohl im Norden Finnlands gelebt und sind eher keine Germanen. Über eine Weiberherrschaft spricht auch noch Adam von Bremen.

XLV,2-3. Die Ästier und der Bernstein

Ergo iam dextro Suebici maris litore Aestiorum gentes adluuntur, quibus ritus habitusque Sueborum, lingua Britannicae propior, matrem deum venerantur. Insigne superstitionis formas aprorum gestant:id pro armis omnique tutela securum deae cultorem etiam inter hostis praestat. Rarus ferri, frequens fustium usus. Frumenta ceterosque fructus patientius quam pro solita Germanorum inertia laborant. Sed et mare scrutantur, ac soli omnium sucinum, quod ipsi glaesum vocant, inter vada atque in ipso litore legunt. Nec quae natura quaeve ratio gignat, ut barbaris, quaesitum compertumve; diu quin etiam inter cetera eiectamenta maris iacebat, donec luxuria nostra dedit nomen. Ipsis in nullo usu: rude legitur, informe perfertur, pretiumque mirantes accipiunt. Sucum tamen arborum esse intellegas, quia terrena quaedam atque etiam volucria animalia plerumque interlucent, quae implicata umore mox durescente materia, cluduntur. Fecundiora igitur nemora lucosque sicut Orientis secretis, ubi tura balsamaque sudantur, ita Occidentis insullis terrisque iisque inesse crediderim, quae vicini solis radiis expressa atque liquentia in proximum mare labuntur ac vi tempestatum in adversa litora exundant. Si naturam sucini admoto igne temptes, in modum taedae accenditur alitque flammam pinguem et olentem; mox ut in picem resinamve lentescit.

Am rechten Ufer also des suebischen Meeres wohnen die VölkerstĂ€mme der Aestier, bei denen GebrĂ€uche und Ă€ußere Erscheinung suebisch sind. wĂ€hrend sich die Mundart mehr der britannischen nĂ€hert. Sie verehren die Mutter der Götter. Als Abzeichen ihres Glaubens tragen sie Bilder von Ebern. Dies gewĂ€hrt statt der Waffen und jegliche Schutzwehr dem Verehrer der Göttin selbst unter Feinden Sicherheit. Selten ist der Gebrauch von Eisenwehr, hĂ€ufig der von KnĂŒtteln. Korn und andere FrĂŒchte bauen sie unter großen MĂŒhen als man nach der gewohnten TrĂ€gheit der Germanen erwarten sollte. Aber auch das Meer durchsuchen sie; sie sind die einzigen unter allen, die den Bernstein, den sie selbst Glaesum nennen, in den Untiefen und am Ufer selbst sammeln. Doch haben natĂŒrlich diese Barbaren die Natur und Entstehungsart desselben untersucht und unerforscht gelassen; ja, lange lag er unter den ĂŒbrigen AuswĂŒrfen des Meeres, bis unsere Putzsucht ihm einen Namen gab. Sie selbst benutzen ihn zu nichts; roh wird er gesammelt, formlos ausgefĂŒhrt, und staunend nehmen sie den Preis dafĂŒr in Empfang. Dass er aber ein Baumsaft ist, lĂ€sst sich daran erkennen, dass hĂ€ufig Tiere, kriechend wie geflĂŒgelte, durchschimmern, welche, in die FlĂŒssigkeit hineingeraten, dann, wenn der Stoff verhĂ€rtet, darin eingeschlossen werden. Ich möchte daher glauben, dass es, wie in den unbekannteren Gegenden des Orients, wo BĂ€ume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, so auch auf den Inseln und in den LĂ€ndern des Westens fruchtbarere Gehölze und Haine geben, die, von den Strahlen der nachbarlichen Sonne ausgesaugt und auf diese Weise flĂŒssig geworden, in das nĂ€chste Meer fließen und durch die Gewalt der StĂŒrme an das entgegengesetzte Ufer geschwemmt werden. Wenn man die Natur des Bernsteins prĂŒft, indem man Feuer daran hĂ€lt, so entzĂŒndet er sich wie Kien und nĂ€hrt eine fette und wohlriechende Flamme, nachher wird er zĂ€he, wie Pech oder Harz.

Ästier: Der Name ist wohl germanisch und wohl abzuleiten von "este" = "Osten". Er kommt wohl davon, dass die baltischen StĂ€mme von einer germanischen Oberschicht bis ins Mittelalter hinein beherrscht wurden. Ihre Mundart bezeichnet Tacitus wohl deshalb den Briten Ă€hnlich, weil sie wohl weder keltischen noch germanischen Ursprungs sind.

Göttermutter: wird wohl mit Kybele gleichgesetzt, die Cato Maior 187 v.Chr. von Kleinasien in feierlichem Aufzug nach Rom mitbrachte.

Eberbilder: Die Eberbilder wirken wohl heute noch in den "Bildbroten" nach, die noch heute in manchen Gegenden Deutschlands zu Neujahr als "HaushĂŒter" gebacken werden.

wenig Eisen: wird von der ArchÀologie aufgrund der vielen Grabbeigaben nicht bestÀtigt

KnĂŒttel: noch im 14. Jhdt. fĂŒhrten ihn die Litauer als Waffe.

Bernstein: Haupthandelsgegenstand seit der jĂŒngeren Steinzeit (noch vor 2.000 v.Chr.). Die erste Nachricht von der Bernsteininsel (Helgoland) stammt von Pytheas von Massalia, der um das Jahr 325 v.Chr. von England aus eine Fahrt zur Erkundung des germanischen Nordens machte. Zahlreiche MĂŒnzfunde bestĂ€tigen einen blĂŒhenden Bernsteinhandel unter Trajan. Noch vor 100 Jahren wurde Bernstein, das Gold Ostpreußens, an KĂŒste aufgesammelt oder aus dem Meer herausgetaucht.

Falsch ist, dass die Ästier den Bernstein selbst Glaesum nannten, denn dieses Wort ist rein germanisch und wurde von den Römern spĂ€ter ĂŒbernommen.

Balsam: wurde von dem mĂ€ĂŸig großen Balsambaum in Arabien gewonnen

Cornelius Tacitus - Sein Leben:

Tacitus ist einer der grĂ¶ĂŸten Geschichtschreiber des antiken Rom. Über sein Leben wissen wir aber nur wenig. Das meiste kann nur aus SchlĂŒssen zwischen seinen Werken und den Briefen des Plinius an ihn gezogen werden. Geboren soll er in der Stadt Interamna sein, die an einem Nebenfluss des Tibers liegt. Das behauptet zumindest der spĂ€tere Kaiser gleichen Namens(275/76), der sich als Nachkomme des Schriftstellers sieht. Andere Historiker wiederum meinen, dass er eher aus der Provinz Gallia Narbonensis (ev. aus Forum Iulii = Frejus) oder aus Gallia Cisalpina in der NĂ€he von Padua stamme. Sein Vorname, Pubilus oder Gaius ist umstritten. Er ist ungefĂ€hr acht Jahre Ă€lter als der jĂŒngere Plinius (geb. 62) und stand mit ihm im Briefkontakt. Tacitus kommt wahrscheinlich aus dem Ritterstand und genoss eine umfassende Rhetorische Bildung. Er war sicher kein Angehöriger der alten gens Cornelia in Rom, sondern seine Familie wird durch das Patronat eines Corneliers das römische BĂŒrgerrecht erhalten haben. Im Jahre 77 heiratete er die Tochter des Britannienbezwingers GnĂ€us Julius Agricola, dessen Feldzug er auch ausfĂŒhrlich beschreibt. Er durchlief unter den Flaviern die Ämterlaufbahn. Er war Quaestor, Ädil, Volkstribun und im Jahre 88 Praetor und Mitglied der FĂŒnfzehner-Priesterschaft zur Deutung der Sibyllinischen BĂŒcher. Anschließend war er wohl Verwalter einer kleinen Provinz. Im Jahre 97 gelangte er unter Nerva zum Konsulatsamt. Um diese Zeit begann er auch mit seiner Schriftstellerei, der er sich auch in den folgenden Jahren intensiv widmete. ErwĂ€hnt wird er auch bei einem Schauprozess gegen einen frĂŒheren Statthalter im Jahre 100, wo er zusammen mit Plinius als Redner auftrat. 112/113 wurde er schließlich noch Proconsul der Provinz Asia. Gestorben ist er wohl in den ersten Regierungsjahren des Kaiser Hadrian (117-38).

Die politische Situation zur Zeit Tacitus':

Im Jahre 81 folgte auf den beliebten und wohltĂ€tigen Kaiser Titus(79-81) sein ehrgeiziger Bruder Domitian, der die Staatsform des Prinzipats als absolute Monarchie verstand. Nach außen sorgte er fĂŒr die Sicherung der Grenzen des Reiches an Rhein und Donau. 83 leitete er einen Feldzug gegen die Chatten, wobei er die Provinz Germania Superior mit einer Pufferzone auf rechtsrheinischem Gebiet eroberte. In den Jahren 86-92 kĂ€mpfte er gegen Daker, Donaugermanen, und Jazygen, die er schließlich zurĂŒckdrĂ€ngte. Domitian schuf damit die Voraussetzung fĂŒr die Eroberung Daciens durch seinen Nachfolger Trajan. Einzelheiten ĂŒber Domitians FeldzĂŒge sind leider nicht erhalten, doch waren seine Leistungen im militĂ€rischen Bereich sicher grĂ¶ĂŸer als die Geschichtsschreiber ihm zugestehen wollen. Das Bild ĂŒber seine Innenpolitik wurde jedenfalls sehr negativ beurteilt. 85 n. Chr. machte Domitian sich zum Censor perpetuus, bald darauf ließ er sich auch Dominus et Deus nennen und duldete keinen Widerspruch gegen seine absolute Regierungsweise, was wachsende Spannungen vor allem mit der von den Stoikern getragenen Senatsopposition zur Folge hatte. Ein Aufstand im Jahre 88 und die Stoikerverfolgung seit 93 sind Ausdruck seiner Entwicklung. Das Mißtrauen des Kaisers begĂŒnstigte natĂŒrlich den steigenden Einfluss von Spitzel und AnklĂ€ger. Vor allem in den letzten Jahren dĂŒrfte er an so großem Verfolgungswahn gelitten haben, dass diese Zeit als Terror und WillkĂŒr in die Überlieferung einging. An die zwei Drittel des Senatoren soll er umgebracht haben. Im Jahre 96 fiel er schließlich einer Verschwörung zum Opfer.

Sein Nachfolger Nerva (96-98) war nur ein sehr schwacher Kaiser und ist aufgrund seiner kurzen Regierungszeit eher unbedeutend. Unter seinem Nachfolger Trajan bricht wieder ein Goldenes Zeitalter an. Seine Politik weiß Plinius schon in den Anfangsjahren in einer Dankrede an den Kaiser (100) zu wĂŒrdigen. Trajan war menschenfreundlich, offen, fĂ€hig und kompetent in allen Bereichen und sorgte fĂŒr das Wohlergehen des Staates, nicht zuletzt fĂŒr die StĂ€rkung des Reiches nach außen. Sein Leben und seine Beurteilung in spĂ€terer Zeit ist sicher von Plinius geprĂ€gt, der ihn im Gegensatz zu Domitian in sehr positiv beurteilt. TatsĂ€chlich dĂŒrfte er aber seine Politik fortgesetzt haben. Der strenge Zentralismus blieb aufrecht, seine Regierung war fast genauso autokrat. In der Außenpolitik gelang es Trajan in den Dakerkriegen 101/102 und 105/106 die beiden Dacien zu erobern, die bis 274 (Kaiser Aurelian) römische Provinz waren. Auch eroberte er große Teile Armeniens und Mesopotamiens, sowie die Provinz Arabia. Seine Eroberungen wurden aber nach seinem Tod von Kaiser Hadrian grĂ¶ĂŸtenteils wieder aufgegeben.

Seine Schriften:

Erhalten sind uns drei kleinere Schriften und zwei große Werke allerdings mit großen Verlusten.

*) Der Dialog ĂŒber die Redner: Erstlingsschrift, fĂŒhrt den Verfall der römischen Beredtsamkeit auf die verĂ€nderte politische Lage zurĂŒck

*) Agricola: Biographie ĂŒber seinen Schwiegervater (40-93) und Lobschrift ĂŒber seinen Eroberungsfeldzug. Dazu gibt er aber auch eine hervorragende Beschreibung des Landes und seiner Bewohner.

*) Germania: wohl kurz nach dem Agricola im Jahre 98 erschienen

*) Historien: 14 BĂŒcher vom Jahre 69 bis 96, von denen uns aber nur Buch 1-4 und teilweise Buch 5 bis zur Expedition des Titus nach Jerusalem erhalten sind.

*) Annalen: sein letztes Werk, in dem er die Geschichte des julisch-claudischen Hauses von der letzten Zeit des Augustus bis zum Selbstmord Neros beschreibt.

Seine Germania:

Tacitus' Germania ist im Großen und Ganzen ein ethnographisches-geographisches Werk. Es sollte der Verherrlichung Roms dienen, aber auch die MissstĂ€nde in Rom aufzeigen. Die Germanen werden als fehlerlos in Sittlichkeit, Ehe, Gastlichkeit, Treue, Frömmigkeit und TaktgefĂŒhl den Römern gegenĂŒbergestellt.

In eigener Person hat Tacitus Germanien nie besucht. Quellen konnte er aber auch in Rom genug finden. Es gab viele germanische Kriegsgefangene, Kaufleute und auch ehemalige Soldaten von der Germanenfront. Außerdem hatte man schon bei den verschiedenen Expeditionen ins Landesinnere Aufzeichnungen gemacht. Tacitus war jedenfalls sehr bemĂŒht, nur möglichst zuverlĂ€ssige Nachrichten zu verwerten. Das berichtet uns Plinius (VI,16), der Tacitus auf seinen Wunsch hin den Tod seines Onkels in Pompeji schilderte.

Sprache und Stil:

Tacitus zĂ€hlt zur silbernen LatinitĂ€t. GegenĂŒber der Klassik erweitert er den Wortschatz und nimmt sich grĂ¶ĂŸere Freiheiten im Satzbau. In seinen Werken zeigt sich aber auch seine gute Bildung in Rhetorik und Dichtung. Sein Vorbild in Sprache und Stil war auf alle FĂ€lle Sallust. Tacitus ist es aber gelungen ĂŒber alle Vorbilder und Strömungen hinweg einen eigenen Stil zu finden. Er ist gekennzeichnet durch PrĂ€gnanz, Anschaulichkeit, Abwechslung und WĂŒrde.

Die Wortwahl ist sehr anspruchsvoll. Er meidet nicht nur griechische Fremdwörter und alle>AusdrĂŒcke aus niedrigen Sprachschichten, sondern auch das allzu Verbreitete oder rein technisch Spezialisierte., sodass er statt crescere gerne gliscere und statt omnia oft cuncta verwendet. Poetische AusdrĂŒcke sind hĂ€ufig, wenn auch zu dieser Zeit auch schon in der Prosa gelĂ€ufig. Carakteristisch fĂŒr Tacitus ist die IntensitĂ€t mit der er alle Bereiche der Sprache bis zur Wortstellung nĂŒtzt, um den Inhalt seiner Aussagen zu unterstĂŒtzen. So sind positive Abstrakta und Schlagworte der kaiserlichen Propaganda (pietas, clementia,...) selten oder werden ironisiert, negative hingegen beherrschen das Feld.

In der Syntax fÀllt der hÀufige Gebrauch des Genetiv und des Dativ auf, ebenso der von den nd-Formen und des historischen Infinitivs. Im Satzbau folgt normalerweise das Hauptgewicht der Aussage erst dann, wenn der Satz schon syntaktisch abgeschlossen ist.

Der Stil ist geprĂ€gt durch die negativ-skeptische Grundhaltung und das psychologische EinfĂŒhlungsvermögen des Autors. Hiezu gehört auch seine Technik, bestimmte Urteile dem Leser nahezulegen, ohne sie selbst auszusprechen.

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