Griechische Musik

In der Geschichte der neugriechischen Kunstmusik werden verschiedene Traditionen in ein Ganzes zusammengefĂŒgt. Die verschieden kulturellen EinflĂŒsse konnten sich erst nach der GrĂŒndung des neugriechischen Staates als nationales Schaffen artikulieren. Die Entwicklung einer nationalen Musik war von zwei wichtigen Faktoren abhĂ€ngig: einerseits von den international ideologischen Auswirkungen der in liberalistisch - romanischem Geiste gefĂŒhrten UnabhĂ€ngigkeitskĂ€mpfe, aus denen im 19. Jh. die europĂ€ischen Staaten (wie z. B. Griechenland) hervorgegangen sind; andererseits von den sozialen und kulturellen Besonderheiten des Griechischen Raums in seiner langen Fremdherrschaft. Auf den Einfluß dieser Faktoren ist wohl die verspĂ€tete Entstehung derjenigen elementaren sozialen und institutionellen Bedingungen zurĂŒckzufĂŒhren, die zur Artikulation eines selbstĂ€ndigen Schaffens griechischer Komponisten fĂŒhren konnten. Andererseits haben sich elemente einer nationalen Ideologie im musikalischen Schaffen lĂ€nger als in mitteleuropĂ€ischen Staaten - bis heute - erhalten.

E-Musik (ernste Musik)

FĂŒr den Bereich der Kunstmusik, d. h. der komponierten E-Musik, stand Griechenland nach der Erlangung der politischen SouverĂ€nitĂ€t noch lange Jahre unter dem ĂŒbermĂ€chtigen Einfluß der zeitgenössischen italienischen Musik. Fast ausschließlich italienische Opernensembles bestimmten damals das griechische Musikleben. So ist z. B. die Ionische Schule als ein direkter Sproß der italienischen Oper anzusehen.

Auf Korfu bemĂŒhte sich Nikolaos Mantzaros (1795-1872), der erste bedeutende neugriechische Komponist, intensiv um die musikalische Erziehung, wobei er besonders die nationalen Bestrebungen förderte (von Mantzaros stammt auch die Musik der griechischen Nationalhymne). Spyridon Xyndas (1812-1896) komponierte mit ,,O Hypopserios Buleutes" (= Der Abgeordnetenkandidat"; 1867) die erste rein griechische Oper (mit neugriechischem Liretto = Text), und der produktive Opernkomponist Dionysios Lavrangas (1860-1941) befreite sich bereits von italienischen Vorbildern. Ganz eigenstĂ€ndig arbeitete Manolis Kalomiris (1883-1962), der in Fachkreisen als Vaterfigur der griechischen Kunstmusik betrachtet wird.

Marios Varvoglis (1885-1967) und Emilios Riadis (1886-1935) wandten sich dem französischen Impressionismus in der Musik (Debussy, Ravel) zu. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurden auch deutsche und andere westeuropĂ€ische EinflĂŒsse auf die griechische E-Musik spĂŒrbar.

Die Folgezeit ist bei den griechischen Komponisten von einem Schwanken zwischen dem Hang zur Aufnahme aus anderen LĂ€ndern kommender Strömungen und der Besinnung auf die heimischen Traditionen geprĂ€gt. Ein weiteres Charakteristikum des griechischen Musiklebens besteht in dem Umstand, dass etliche Komponisten außer Landes studieren und arbeiten.

Aus der relativ großen Zahl griechischer Musikschaffender der jĂŒngeren Vergangenheit seien namentlich genannt; Dimitris Mitropulos (1896-1960), der 1927-1939 als Leiter des Athener Symphonieorchesters das griechische Musikleben maßgeblich formte; Antiochos Evangelatos (geb. 1903) und lannis Konstantinides (geb. 1903), die Motive der Volksmusik aufnahmen; der Schönberg-SchĂŒler Nikos Skalkottas (1 904-1949), der auch internationalen Ruf erlangte.

Vertreter der modernen Kunstmusik der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sind neben etlichen anderen Dimitris Dragatakis (geb. 1904), Anestis Logothetis (geb. 1921), lannis Xenakis (geb. 1922), der aus Ägypten stammende lani Christu (1 926-1970) und der Ă€ußerst produktive Theodoros Antoniu (geb. 1935).

Zwei Komponisten, die beide im Jahre 1925 geboren sind, erfreuen sich sowohl bei den Griechen selbst als auch außerhalb Griechenlands außergewöhnlicher PopularitĂ€t. Es sind dies Manos Chatzidakis (Hadjidakis) und Mikis Theodorakis, die mit der Aufwertung der einst im Untergrund vorgetragenen ,Rembetiko'-Lieder (s. u.) eine ernsthafte, eigenstĂ€ndig griechische Alternative zur westlichen Unterhaltungsmusik geschaffen haben.

Theodorakis : 1964-67 Abgeordneter der EDA (Vereinigte Demokrat. Linke) im griech. Parlament, 1967-70 (wie schon 1947-49) inhaftiert, 1981-88 erneut Abg. im griech. Parlament als Mgl. der kommunist. Fraktion (KKE); nach Abkehr von der KKE 1989-93 Abg. fĂŒr die "Neue Demokratie" und 1990-92 Min. ohne GeschĂ€ftsbereich im bĂŒrgerl. Kabinett K. Mitsotakis

Die Zentren musikalischen Geschehens in Griechenland sind die Landeshauptstadt Athen und das nordgriechische Saloniki (Thessaloniki); hier haben auch die wichtigsten Institutionen ihren Sitz:

Zur musikalischen Ausbildung wurden 1871 das Konservatorium ,Odeion' in Athen sowie 1904 ein zweites im PirĂ€us gegrĂŒndet; ihnen folgten 1915 das Staatskonservatorium in Saloniki, 1919 das Hellenische Konservatorium und 1926 das Nationalkonservatorium in Athen. Die 1939 ins Leben gerufene griechische Nationaloper blieb knapp vier Jahrzehnte lang die einzige OpernbĂŒhne des Landes, bis im Jahre 1978 die Oper von Saloniki als Abteilung des Staatstheaters Nord-griechenlands hinzukam.

Das auch international bekannte Athener Staatsorchester (1942 als KOA neu konstituiert) hat seinen Ursprung indem 1912 eingerichteten Symphonieorchester des zuvor genannten ,Odelon'; es stand von 1927 bis 1939 unter der herausragenden StabfĂŒhrung des Komponisten und Dirigenten Dimitris Mitropulos und wird heute von Manos Chatzidakis (Hadjidakis) geleitet. Seit 1959 -hat auch Saloniki ein Staatsorchester (KOTh).

U-Musik (Unterhaltungsmusik)

In den griechischen Vokaliedern lebt vor allem die Vergangenheit fort. Von den wehklagenden Weisen werden besonders hĂ€ufig die melancholischen Klephtenlieder (= ,RĂ€uberlieder', ,Diebeslieder') aus der Zeit der tĂŒrkischen Herrschaft angestimmt. Diese berichten von den entbehrungareichen Heldentaten in den Bergen, der Sehnsucht nach Freiheit, den zurĂŒckgelassenen BrĂ€uten, dem blauen Meer und von der wilden Natur. Begleitend erklingen Hirtenfiöte und Lyra, die als VorlĂ€uferin der Violine anzusehen ist.

Mit der fortschreitenden Entwicklung des Landes und der wachsenden Anziehungskraft der StĂ€dte setzten sich zunehmend stĂ€dtische Musiktendenzen durch, die zu einer Mischung aus Volksliedern, byzantinischer und tĂŒrkischer Musik, den italienisch beeinflußten ,Kantades' der Ionischen Inseln und schließlich Importen aus westlichen LĂ€ndern (v.a. Tango) gefĂŒhrt haben.

In jĂŒngster Zeit ist die griechische Volksmusik, die mit ihren eigentĂŒmlichen Rhythmen und den recht ungewohnten Tonschritten die zeitgenössische griechische Unterhaltungsmusik nachhaltig beeinflußt hat, auch in Mitteleuropa bekannter geworden. Zur Begleitung des Gesanges werden neben der weitverbreiteten lautenĂ€hnlichen Busuki die trapezförmige Santuri (sprich ,Sanduri'; eine Art Hackbrett) und verschiedene Holzblasinstrumente gespielt.

In allen Schichten beliebt ist der ,Rembetiko'. Er entstand in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts in den Armenvierteln und Tavernen des PirĂ€us im Kreise der sog. Rembeten, Außenseiter der Gesellschaft, die aus der Arbeitslosigkeit oder dem harten Job in den Docks ihren eigenen Lebensstil entwickelt hatten, zu dem u.a. Drogen und Musik gehörten. Sie schrieben sarkastische Spottlieder, nicht selten im GefĂ€ngnis entstandene Kompositionen, die begleitet wurden auf einer eigens hierfĂŒr gebastelten Busuki, der ,Baglama', die man aus einem ausgehöhlten KĂŒrbis, einem StĂŒck Holz und einigen DrĂ€hten als Saiten herstellen konnte. In salopper Sprache spottete der Rembetiko ĂŒber ,KohlpflĂŒcker' (= Taschendiebe) und ,Holz essen' (= PrĂŒgel beziehen) oder trauerte treulosen StraßenmĂ€dchen nach. Als General Metaxas den Drogenkonsum unterband, wichen viele Musiker nach Saloniki aus, das fernab von der politischen Zentralgewalt Athens lag. Schließlich griff die aufstrebende SchallplattenIndustrie nach dem populĂ€r werdenden Rembetiko und machte die einstigen Untergrundlieder salonfĂ€hig.

Tanz und Musik gehören in Griechenland seit jeher zusammen. Bereits antike Vasen zeigen Reigen von TĂ€nzern, und der Sage nach soll die Zeusmutter Rheia persönlich ihren Priestern die ursprĂŒnglichen Tanzfiguren beigebracht haben.

Choreographisch betrachtet unterscheidet man heute zwei große Tanzformen: die maßvollen Bewegungen der ,Sirtos'-TĂ€nze und die ungestĂŒmen, zuweilen fast artistischen ,Pidik'-TĂ€nze, wenngleich jede Insel und jede Region des Festlandes ihren eigenen Stil und eigene Variationen entwickelt haben, deren AusfĂŒhrungen den Rahmen dieses Referats wohl bei weitem sprengten.

Der bekannteste griechische Volkstanz ist fraglos der ,Sirtaki' (Syrtaki), ein reigenĂ€hnlicher Gruppentanz, der von einem VortĂ€nzer angefĂŒhrt wird. Je besser der TĂ€nzer ist, desto mehr Improvisationen lĂ€sst er sich einfallen, um schließlich die Rolle des VortĂ€nzers an den nĂ€chsten in der Reihe abzutreten.

Die KreistĂ€nze, bei denen sich die TĂ€nzerinnen und TĂ€nzer an der Hand oder einem Taschentuch halten, werden neuerdings oft gemischt getanzt, obwohl sie ursprĂŒnglich eher nach Geschlechtern getrennt abliefen.

Im Karneval sind pantomimische TanzvorfĂŒhrungen, die bestimmte Berufsgruppen und Gesellschaftsschichten nachahmen, ebenso beliebt wie MĂ€nner in Frauenkleidern, die u.a. an das Schicksal der Klephten (FreischĂ€rler) im griechischen Freiheitskampf des 18. und 19. Jahrhunderts erinnern sollen.

Heute versteht man unter ,griechischer Musik' vor allem Lieder wie jene von Manos Chatzidakis (Hadjidakis) und Mikis Theodorakis, deren Melodien im Griechenland der letzten Jahrhundertwende wurzeln. Der ĂŒberaus populĂ€re SĂ€nger Theodorakis gilt im Ausland als eine Art Kulturbotschafter seiner Heimat; international bekannt wurde er durch seine Musik zu dem berĂŒhmten Film ,,Alexis Sorbas", der auf der Insel Kreta spielt.

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