Solschenizyn, Alexander: Ein Tag des Iwan Denissow



2. Iwan Denissowitsch Schuchow - ein gefangener Arbeiter oder ein schuftender Häftling?
Welche Bedeutung hat die handwerkliche Leistung f√ľr sein Leben?

Gliederung:
1. Arbeit - Ein Begriff im Wandel
2. Die Bedeutung einer Beschäftigung in einem sowjetischen Strafgefangenenlager
2.1. Nachdenken
2.2. Aufgabe
2.3. Erfolgserlebnis
2.4. Anerkennung
2.5. Arbeit als Medizin
3. Arbeit - ein Segen im Lager

Ausf√ľhrung:
In der heutigen Zeit sehen die meisten Menschen Arbeit als notwendiges Übel an. In einem sowjetischen Strafgefangenenlager aber war Arbeit zu haben ein Segen, denn mit einer Beschäftigung konnte man die täglichen Schikanen besser ertragen.
Allerdings kann man Arbeit in einem Arbeitslager nicht mit heutiger Arbeit im B√ľro vergleichen. Besch√§ftigung in einem Lager bedeutete schlechte Verpflegung und Knochenarbeit bis an die Grenze der menschlichen Belastungsf√§higkeit. Fast immer wurden die H√§ftlinge zu Baut√§tigkeiten herangezogen, meist ohne gro√üe Sicherheitsvorkehrungen auf der Baustelle zu treffen ( vgl. S. 44 Z. 11 - 14 ).
Schuchow hat, wenn er arbeitet keine Zeit zum Nachdenken. Dies zeigt sich darin, dass die Zeit beim Arbeiten sehr schnell vergeht. Der Mittag war schneller da als Iwan Denissowitsch es erwartet hatte (vgl. S 48 Z.17 - 23). Dieser Aspekt wird auch dadurch verstärkt, dass die Errichtung der Mauer als Akkordarbeit ohne nennenswerte Pause geschildert wird.
Wichtig ist auch, dass man als H√§ftling dadurch eine Aufgabe hat. Wie man an Iwan Denissowitsch sehr gut sehen kann nimmt er sich vor, seine Mauer so gut wie m√∂glich zu errichten. "Er sah unter dem Eis schon die fertige Wand vor sich,.. Jetzt war sie Schuchow schon so vertraut als h√§tte er sie selbst gemauert." ( S. 69 Z.6 - 11), Schuchow versucht seine Arbeit so gut wie m√∂glich zu machen. " Aber Schuchow macht keinen Schnitzer" ( S.70 Z. 27). Der H√§ftling hat, indem er die Mauer fertigstellen muss (will), eine Aufgabe die er zu erledigen hat, eine Sache f√ľr die es sich lohnt auch den folgenden Tag zu √ľberleben.
Zus√§tzlich zu seiner Aufgabe hat der H√§ftling mit seiner Arbeit auch Erfolgserlebnisse. Er sieht, dass auch er noch etwas leisten kann, dass er etwas besser machen kann als andere. " Einmal f√ľhrte er Schuchow vor wie man Ziegelsteine mauert, da lachte Schuchow sich halbtot. Wer einmal mit eigenen H√§nden ein Haus gebaut hat, der ist ein Ingenieur!" ( S. 73 Z. 20 - 22 ). An der Mauer an der Iwan arbeitet, hat schon jemand vor ihm angefangen sie hochzuziehen, allerdings ist Schuchow der Meinung diese Aufgabe besser bew√§ltigen zu k√∂nnen, als sein Vorg√§nger. "Vorher hatte hier ein Maurer gearbeitet, der entweder nichts vom Handwerk verstand oder gepfuscht hatte" ( S. 69 Z. 8f ). Des weiteren wei√ü Schuchow ,dass sie viel arbeiten, was unter den gegebenen Umst√§nden nicht einfach ist. Er kann mit sich zufrieden sein. "Aber sie haben heute viel geschafft - mehr kann man nicht verlangen" ( S. 76 Z. 41f ). Er verliert sein Selbstbewu√ütsein nicht ganz. Der H√§ftling hat etwas, woran er sich klammern kann, etwas, das ihm Kraft gibt.
Was ihm und seinem Selbstbewu√ütsein sicherlich auch sehr gut tut ist, dass er sich wenn er arbeitet ein wenig auf die Stufe des Brigadiers stellt. Der Brigadier ruft ab und zu nach M√∂rtel und Schuchow ebenso. Wenn Schuchow die Anderen zur Arbeit antreibt, wird er f√ľr die anderen auch so etwas wie ein Brigadier (vgl. S. 72 Z. 3 - 6). " Schuchow redet ihn sonst immer mit Andrej Prokofjewitsch an, aber durch die Arbeit steht er jetzt mit dem Brigadier auf einer Stufe" (S. 79 Z. 36 - 38 ). Schuchow kann sich durch seine zeitweilige Position sogar erlauben ein wenig frech zu sein, aber wichtiger ist, dass Iwan seinen Humor noch nicht verloren hat (vgl. S. 79 Z. 39 - 42 ), was darauf hindeutet, dass er noch "Spa√ü am Leben" hat.
Ein angenehmer Nebeneffekt der Arbeit besteht sowohl darin, dass die K√§lte nicht mehr sp√ľrbar wird (vgl. 71 Z.33 ) und auch, dass das Unwohlsein, das Zeichen einer sich ank√ľndigender Krankheit ist, dass es ihn "fr√∂stelte" oder "alle Glieder" ( S. 5 Z. 38) schmerzen, wieder verschwand "Und war nicht krank geworden, hatte sich wieder aufgerappelt." (S. 127 Z. 20f ). Der Grund f√ľr die Genesung liegt wohl daran, dass durch die gro√üe Anstrengung w√§hrend der Arbeit die k√∂rpereigenen Abwehrkr√§fte st√§rker arbeiten und der Mensch weniger anf√§llig f√ľr Krankheiten ist.
Die handwerkliche Leistung hat die Bedeutung f√ľr sein Leben im Lager, dass sie ihm die M√∂glichkeit gibt, einen kleinen Bereich zu haben, in dem er sich auskennt, in den ihm niemand reinreden kann. Sie hilft ihm die schwere Zeit zu √ľberstehen. Durch seine fr√ľhere T√§tigkeit als Bauer konnte er sich fr√ľh an harte k√∂rperliche Arbeit gew√∂hnen. Die Arbeit ist nicht nur eine psychische, sondern auch eine physische √úberlebenshilfe. Wenn Schuchow im Lager keine Arbeit h√§tte, w√§ren seine √úberlebenschancen noch geringer, als sie ohnehin schon sind.
Indem Schuchow, auch unter unmenschlichen Bedingungen des Zwangs, sich die Arbeit selbst zu seiner Aufgabe macht, die Wand, die er mauert, als sein Werk betrachtet, schafft er sich selbst einen kleinen Raum der Freiheit. Während des mauerns entgeht Schuchow der ständigen Kontrolle der Aufseher, er kann weitgehend selbstständig seine Aufgabe erledige n. Iwan Denissowitsch Schuchow ist ein gefangener Arbeiter der versucht das Beste aus seiner Situation zu machen.

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