Arbeitswelt im Wandel

In den letzten zweihundert Jahren hat sich der Produktionsprozess mehrfach und entscheidend gewandelt. Die>> manuelle
Produktion << in der Manufaktur zeichnete sich durch Arbeitsteilung und Spezialisierung aus. Aus diesem Grund war die Produktion
nach wie vor abhängig von der Geschicklichkeit und von der begrenzten Leistungsfähigkeit der dort arbeitenden Menschen. Der
entscheidende Punkt der Industrialisierung wurde erst mit dem √úbergang zur>> mechanischen Produktion << gesetzt, als sich binnen
weniger Jahrzehnte die Verwendung von Antriebsmaschinen durchsetzte.
Am Ende des 18.Jh.s waren es der Wasser - und Dampfantrieb, die nur knapp hundert Jahre später vom Verbrennungs - und
Elektromotor abgelöst wurden. Dazu kam noch die Nutzung von Arbeitsmaschinen, die an Stelle von Menschenhand präzise und
ohne Pause produzierten. Alles was dem Menschen somit noch √ľbrig blieb, waren die Steuerung und Kontrolle, die Vor - und
Nachbearbeitung der Produkte, sowie ihr Transport zwischen den Maschinen.
Ein großer negativer Aspekt der im Zuge dieser Verarbeitungsmethoden entstand war, dass die Bedienung der hochtechnisierten
Arbeitsmaschinen sehr einfach waren. Somit konnten unqualifizierte und billige Arbeitskräfte, sprich Kinder und Frauen, diese
m√ľhelos durchf√ľhren. In Folge blieb nur wenigen Facharbeitern die Kontrolle der Produktion √ľbrig.
Zu Beginn des 20.Jh.s brach die nächste Veränderung im Produktionsprozess heran - das Fließband. Mit seiner Verwendung gelang
es Henry Ford auch das zur damaligen Zeit schwierigste Produkt>> Automobil << in Massen und preisg√ľnstig herzustellen. Das
Flie√üband brachte jedes Werkst√ľck zu einem Arbeiter und verband nach einem genauen Organisationsplan alle Einzeilmaschinen
miteinander. So bestimmte von nun an das Fließband die Geschwindigkeit der Produktion.
Um die Jahrhundertwende hatte der Amerikaner Frederik W. Taylor mit seiner>> Wissenschaftlichen Betriebsf√ľhrung
<< die theoretischen Grundlagen f√ľr eine neue Produktionsform entwickelt - die Stoppuhr. Er forderte die strickte Trennung der
Ingenieursarbeit von der Herstellung durch die unqualifizierte Arbeiterschaft. Im Vordergrund stand die Maximalisierung der
Produktion. Er beobachtete dabei jeden einzelnen daf√ľr notwendigen Bewegungsablauf und ma√ü die daf√ľr ben√∂tigte Zeit mit der
Idee, den Produktionsfaktor Mensch berechenbar zu machen. Das ging soweit, dass man sogar fixe Sollzeiten f√ľr die Bewegung der
Augen einf√ľhrte.
Heute steht nicht mehr die>> Maximalleistung << des Menschen im Vordergrund, sonder dessen>> optimale Normalleistung <<.
Mit aufwendigen Analysen versucht man f√ľr jeden Arbeitsvorgang die √∂konomischste
( kraftsparende ) Bewegung herauszufinden. F√ľr den Arbeiter bringt diese Form von Produktivit√§tssteigerung aber kaum eine
materielle Verbesserung oder Arbeitszeitverk√ľrzung.

Industrielle Revolution - Fortschritt oder ?

England war das Mutterland der Industriellen Revolution; dort wurden die ersten Maschinen gebaut. In Mitteleuropa bildeten sich die
ersten Industriegebiete erst um 1850, aber die Folgen und die Reaktion der Menschen waren auch Jahrzehnte später die Selben. Die
Verteufelung der Eisenbahn, dem Motor der Industrialisierung, ist ein gutes Beispiel f√ľr die Angst der Menschen vor Maschinen. Ihr
Denken √§nderte sich nur langsam, viele Jahre lang wurde die Eisenbahn f√ľr Missernten und Krankheiten verantwortlich gemacht. Die
Maschinen erleichterten den Menschen die Arbeit, doch wurden nun auch weniger Arbeiter benötigt.
Die Fabrikbesitzer konnten die Beschäftigten ohne schwerwiegende Folgen ausbeuten, denn wenn einer von ihnen bessere
Arbeitsbedingungen oder angemessene Löhne forderte, verlor er sofort den Arbeitsplatz; Arbeitslose, die arbeiten wollten, gab es
genug. Gro√üe Teile der Bev√∂lkerung zogen in die St√§dte und dort war das Elend und die Armut der B√ľrger am gr√∂√üten. Die
Wohnungssituation war katastrophal; schon um sich ein Leben unter schlechtesten Bedingungen leisten zu können, mussten meist
sogar Kinder arbeiten. Die Menschen hatten Angst vor der Industrie, auch aufgrund der hohen Umweltverschmutzung. Noch heute,
fast 150 Jahre später kämpfen wir gegen die Umweltschäden an. Nicht jeder betrachtete diese Entwicklungen als Fortschritt, manche
waren der Meinung, dass die Maschinen den Weg in die H√∂lle weisen w√ľrden; sie wollten die gute alte Handarbeit zur√ľck, wieder
stolz sein können auf die im Schweiße ihres Angesichts entstandenen Produkte. Die Arbeiter versuchten das Beste aus ihrer Situation
zu machen. Sie schlossen sich Gewerkschaften an, organisierten Streiks um f√ľr ihre Rechte zu k√§mpfen. Neben den Arbeitern selbst
versuchten auch die Kirchen, fortschrittliche Unternehmer und Politiker und ab 1880 der Staat die aus der IR resultierende Soziale
Frage zu lösen bzw. zu mildern. Über Jahrzehnte hinweg bis heute können wir einen deutlichen Fortschritt ausmachen. Der Grundstein
zu unserem modernen Lebensstil wurde damals gelegt. All die f√ľr uns selbstverst√§ndlichen technischen Errungenschaften, die uns unser
Leben heute vereinfachen, gäbe es nicht, wenn die Industrialisierung im Keim erstickt worden wäre. Sicher haben wir noch heute mit
der Umweltverschmutzung zu k√§mpfen und sicher h√§tten wir auch manch andere Probleme nicht, doch m√ľssen wir insgesamt zugeben,
dass unser Leben heute nicht so angenehm w√§re, h√§tten mutige Menschen sich in der Mitte des letzten Jahrhunderts nicht f√ľr die
Industrie eingesetzt. Es wird immer Menschen geben, die von einer rein, auf die Natur bezogenen Lebensweisen träumen, doch auch
sie m√ľssen sich eingestehen, wie angenehm z.B. flie√üendes Wasser und Heizungen sind.

Auswirkungen der Dritten Industriellen Revolution

Die Anwendung und Weiterentwicklung neuer Technologien ( Computer, Gentechnologie, Kommunikation, ... ), auch die Nutzung
der Kernkraft und die Erforschung immer neuer Energiequellen bewirken eine derzeit in ihrer Geschwindigkeit gar nicht abschätzbare
Entwicklung des Menschen.

... auf unsere Lebensbedingungen
Die Wirtschaft produziert gro√üteils immer noch auf raschen Konsum ausgerichtete, kurzlebige G√ľter ("geplante Verschwendung ").
Damit sollen einerseits maximale kurzfristige Gewinne, andererseits ein möglichst hoher Beschäftigungsgrad erzielt werden. Durch die
technologischen √Ąnderungen und die damit verbundene Rationalisierungen steigen jedoch in den Industriel√§ndern die
Arbeitslosenzahlen an. Die Erwerbstätigen wiederum sehen sich mit neuen Arbeitsbedingungen konfrontiert. Seelische Verarmung der
nur an Leistung orientierten Menschen sowie hohe soziale Kosten sind die negativen Folgen dieses>> Wirtschaftswunders <<.

... auf Produktions - und Beschäftigungszahlen
Die zunehmende Umstellung auf Automation hat zu einer bedeutenden Steigerung der Produktivit√§t bei gleichzeitigem R√ľckgang der
Besch√§ftigungszahlen gef√ľhrt.
Auch im Dienstleistungsbereich wurde durch die neuen Technologien eine wesentlich h√∂here Produktivit√§tssteigerung erzielt ( fr√ľher:
15000 Tastenanschläge pro Tag und Person; heute: 30000 bis 45000 Anschläge ).

... auf Lebensstandard
Innerhalb von drei Jahrzehnten hat sich der private Konsum verdreifacht. Waren es in den F√ľnfzigerjahren noch rund 100 000
√Ėsterreicher die ein Auto besa√üen, so waren es 1989 drei Millionen, Tendenz steigend.
Fast alle Haushalte verf√ľgen heute √ľber K√ľhlschrank, Waschmaschine, Telefon, Computer und auch der Wohnkomfort ist
beträchtlich gestiegen.

... auf Arbeitsplatz und Arbeitsqualität
Kam nach der Ersten Industriellen Revolution ein Angestellter auf zehn Arbeiter, so steht er heute nur noch drei gegen√ľber.
Der Einsatz der Maschinen hat die Handwerklichen Tätigkeiten weitgehend verzichtbar gemacht (siehe Wandel der Produktion ). Die
Automation hatte f√ľr die dort Besch√§ftigten auch Erleichterungen gebracht ( weniger k√∂rperliche Anstrengung, weniger Schmutz,
geringere Unfallgefahr ), doch ebenso wurden Arbeitskräfte eingespart.

... auf Arbeitszeit und Ausbildung
Waren er vor 150 Jahren noch 16 Stunden tägliche Fabriksarbeit, so sind es heute nur noch acht. Die Wochenarbeitszeit beträgt
heute im Durchschnitt 38,5 Stunden und die Gewerkschaften fordern schon seit Jahren die Einf√ľhrung der 35 - Stunden - Woche.
Auch der Urlaub stieg im Laufe der Jahre von zwei auf f√ľnf Wochen an.
Da traditionelle Berufe schon langsam im Aussterben sind, muss die heutige Generation einen hohen Stand an Allgemeinbildung und
ein fundierte Grundausbildung besitzen. Diese sind Voraussetzungen f√ľr eine weitere Spezialisierung und einen flexiblen Einsatz auf
verschiedenen Arbeitsplätzen.

Arbeitslosigkeit

Es gibt eine naive und dennoch vern√ľnftige Auffassung √ľber die Produktivit√§t: wenn sie gesteigert wird, so denkt der gesunde
Menschenverstand, dann m√ľsste sich eigentlich das menschliche Leben erleichtern. H√∂here Produktivit√§t erlaubt es, mehr G√ľter mit
weniger Arbeit herzustellen. Ist das nicht wunderbar? In unserer Zeit sieht es jedoch so aus, als erzeuge die Steigerung der
Produktivit√§t zusammen mit einer anschwellenden Masse von G√ľtern auch eine Lawine von Arbeitslosigkeit und Elend.
Seit dem Ende der 70er Jahre haben sich die Soziologen daran gewöhnt, von einer technologischen oder " strukturellen "
Massenarbeitslosigkeit zu sprechen. Das bedeutet, dass die Arbeitslosigkeit sich unabhängig von der konjunkturellen Bewegung der
Wirtschaft entwickelt und sogar im Boom ansteigt. In den 80er und 90er Jahren ist in fast allen Ländern der Sockel dieser
strukturellen Arbeitslosigkeit von Zyklus zu Zyklus immer größer geworden; nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation in
Genf waren 1995 bereits 30 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung im globalen Maßstab ohne einen festen Arbeitsplatz.
Der scheinbar so naheliegende Gedanke, dass eine Steigerung der Produktivit√§t das Leben erleichtern m√ľsse, rechnet nicht immer mit
der speziellen betriebswirtschaftlichen Rationalit√§t. Es kommt n√§mlich darauf an, wof√ľr die erh√∂hte Produktivkraft eingesetzt wird.
Produzieren Menschen f√ľr den eigenen Bedarf, dann werden sie verbesserte Mittel und Methoden schlicht daf√ľr benutzen, weniger zu
arbeiten und die gewonnene Zeit auf angenehme Weise zu verbringen. Ein Produzent von Waren f√ľr den Markt k√∂nnte jedoch auf die
Idee kommen, genausoviel zu arbeiten wie bisher und die zus√§tzliche Produktivit√§t f√ľr die Herstellung einer gr√∂√üeren Menge von
Waren zu verwenden, um mehr Geld zu verdienen statt mehr Muße zu genießen. Ein betriebswirtschaftlicher Manager aber muss sogar
auf diese Idee kommen, weil er gar nichts davon hätte, dass seine Lohnarbeiter mehr freie Zeit gewinnen. Er wird also die zusätzliche
Produktivit√§t auf jeden Fall als Vorteil in der Konkurrenz und daher f√ľr die Senkung der Betriebskosten nutzen statt f√ľr die
Bequemlichkeit der Produzenten. Deswegen ist in der modernen ökonomischen Geschichte die Arbeitszeit immer viel weniger
gesunken, als die Produktivität gestiegen ist.

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