London, Liebe und all das

Dagmar Chidolue: "London, Liebe und all das" (1989)

Zur Autorin:
Dagmar Chidolue, 1944 in Sensburg/ Ostpreußen geboren wuchs in GĂŒtersloh, Westfalen. Nachdem sie ihre Ausbildung im wirtschafts - und steuerberatenden Beruf abgeschlossen hatte, holte sie das Abitur nach und begann Jura und Politikwissenschaften zu studieren. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt heute in Usingen/ Taunus. Chidolue schreibt fĂŒr Erwachsene, wie auch fĂŒr jĂŒngeres Publikum. Bekannt wurde sie jedoch durch ihre Kinder - und Jugendliteratur, welche unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Weitere BĂŒcher: "Lieber, lieber Toni"," So ist das nĂ€mlich mit Vicky", "Mach auf, es hat geklingelt", "Floraliebling", "Aber ich werde alles anders machen", "Lady Punk" und die 'Millie' - Reihe.

Zum Inhalt von "London, Liebe und all das":
Die Protagonistin Katharina, 18, beschließt den großen Schritt aus der Kleinstadt zu wagen und eine mehrwöchige Reise nach London, England anzutreten, um ihr Englisch zu verbessern. Daheim lĂ€sst sie ihre besorgten Eltern und ihren Freund Oliver. In London kommt sie nach einigen UmstĂ€nden bei der afrikanischen Familie Okonkwos unter. Auf einer der vielen Diplomatenpartys der Familie lernt sie den afrikanischen Mathematikstudenten Azuka. Die nĂ€chsten paar Wochen treffen sie sich immer hĂ€ufiger und beide verlieben sich ineinander. Es kommt die Zeit des Abschieds und Katharina fĂ€hrt wieder zurĂŒck nach Deutschland. Im Verlaufe des Jahres besucht sie Azuka zwei Mal. Der Kontakt zu Azuka bleibt ĂŒber die Briefe bestehen. Eines Tages lĂ€dt Katharina mit anfĂ€nglichen EinwĂ€nden von Seiten der Eltern ihren afrikanischen Freund zum Weihnachtsfest zu sich nach Deutschland ein. Nachdem Besuch Azukas haben die Eltern ihre Meinung ĂŒber den jungen Mann ein wenig geĂ€ndert. Scheinbar sei der Afrikaner doch nicht so primitiv, wie sie immer annahmen. Im darauffolgenden Sommer besucht Azuka seinen Vater in Nigeria. In der Zwischenzeit beendet Katharina das Abitur, zieht in eine Wohngemeinschaft in Frankfurt und beginnt das geplante Mathematikstudium in Frankfurt. Aus einem Brief erfĂ€hrt sie von Azuka, dass sein Vater mit einer weißen Deutschen als Schwiegertochter - "A capital NO - absolut nicht einverstanden ist. Nach dieser Nachricht versucht Katharina Selbstmord zu begehen. Ihre Mitbewohnerin Birgit rettet sie. Katharina beschließt, die Freundschaft zu Azuka aufzugeben. WĂŒtend schreibt sie ihm eine letzte Geburtstagskarte, in welcher sie ihm die Lage klarmacht. Trotz allem besucht sie Azuka in ihrer Wohnung in Frankfurt. Gemeinsam beschließen sie, dass Katharina ihr Studium in Cambridge fortfĂŒhren wird um somit so viel mehr Zeit mit ihrem Freund verbringen zu können.

Charakter von Katharina
Aufgewachsen in einer Kleinstadt und wohl umsorgt vom Elternhaus kann man es als sehr große Schritt sehen, dass dieses MĂ€dchen entschließt, ganz alleine ins Ausland zu gehen. Die Konfrontation mit dem Andersartigen lĂ€sst sie erkennen, dass es auf dieser Welt andere Kulturen und Lebensweisen gibt, die eben so interessant sein können wie die eigene. Die ersten Tage im Hause der afrikanischen Familie befremden sie, alles ist ganz anders, fremdartig: die GerĂŒche aus der KĂŒche, die stĂ€ndigen Besucher und auch die Musik. Doch sie lebt sich ein und gerade die Liebe zu dem aus Afrika stammenden Studenten Azuka macht es ihr möglich, sich beim Klang der afrikanischen Melodien zu Hause zu fĂŒhlen. Eine weitere Entdeckung im Laufe ihres ersten Aufenthaltes in London ist die Tatsache dass sie als Weiße sich in einer Menge von Schwarzen, sehr vielen Schwarzen, unwohl fĂŒhlen kann Sie muss erkennen, dass Afrikaner zwar eine der vielen Minderheiten im multikulturellen England darstellen, jedoch unter sich eine große Gemeinschaft aufgebaut haben, in der sie ohne Probleme ihr Leben bestreiten. Umso verstĂ€ndlicher ist es, dass es die Protagonistin absolut aus der Bahn schmeißt als sie erfĂ€hrt, dass der Vater ihres Freundes der Beziehung zu Katharina nicht zufrieden gegenĂŒbersteht. Dabei scheint sie zu vergessen, dass ihr schwarzer Freund andersherum mit genau den gleichen Problemen konfrontiert gewesen ist, als er zum Weihnachtsfest nach Deutschland kam. Um ihre Wandlung in einem Satz zusammenfassen, scheint dieser aus dem Buch selbst entnommene Satz am passendsten: "Ihr war die Unschuld abhanden gekommen, die himmlische NaivitĂ€t, und sie hatte den Stand der Unwissenheit lĂ€ngst zurĂŒckgewiesen".

VerhÀltnis zum deutschen Freund Oliver
Zu Beginn ihrer Reise vermißt sie ihn, jedoch nicht fĂŒr lange. Bereits bei der Abschiedsszene am Bahnhof ist ihr klar, dass in der Beziehung zu Oliver nicht alles so lĂ€uft wie sie sich das vorstellt. Die große Liebe ist er eindeutig nicht fĂŒr sie. Als sie dann in London Azuka kennenlernt, scheint ihr Freund fernab in der Heimat endgĂŒltig vergessen. Besonders deutlich wird dies als sie, wieder zurĂŒck in Deutschland, Oliver das erste Mal wiedersieht. Auf seine freudige BegrĂŒĂŸung kann sie nur noch mit einem zögerlichem "Ja, ja, ja" antworten. Nur einige Tage spĂ€ter macht sie ihm eindeutig klar, dass sie nicht mehr mit ihm zusammensein möchte. Ihre ganze Liebe gilt nur noch Azuka.

Charakter von Azuka
Azuka ist ein aus Nigeria stammender Mathematikstudent. Entgegen der Meinung des Vaters, der Ă€lteste Sohn habe sich um andere Dinge zu kĂŒmmern, entschließt er sich, ganz alleine in das ferne England auszuwandern und sein Studium in Cambridge anzutreten. Aufgrund der weiten Lebenserfahrung geht der junge Mann gelassen an die Dinge heran. Probleme wie die mit seinem Vater bezĂŒglich Katharina möchte er lieber geduldig angehen. Auch von Katharina verlangt er VerstĂ€ndnis fĂŒr dieses traditionsbelastete Problem indem er sagt: "Darum will ich Dich bitten, dass Du mich richtig verstehst und diese Geduld auf Dich nimmst."

Katharinas Eltern
Die Mutter ist im gesamten Buch besorgt um ihre Tochter. Es fĂ€llt ihr nicht leicht, die junge Tochter in das ferne, unbekannte England zu entlassen. Umso besorgter ist sie als sie erfĂ€hrt, dass sie bei einer afrikanischen Familie untergebracht wurde und im weiteren Verlauf der Handlung auch noch mit "Einem von denen" zusammen ist. Als Katharina wieder nach Deutschland zurĂŒckkommt ist die Mutter ĂŒberglĂŒcklich, wieder auf ihre Tochter aufpassen zu können. BezĂŒglich des Freundes Azuka vollzieht sich ein kleiner Wandel bei der Mutter. Dieser fĂ€llt jedoch entsprechend der vorher dagewesenen Vorurteile nicht sonderlich groß aus. Nachdem die Familie das Weihnachtsfest gemeinsam mit Azuka verbracht hat, wird Azuka zum "Vorzeige - Afrikaner" fĂŒr Bekannte: "Da werdet ihr staunen, das habt ihr euch wohl nicht gedacht, dass es da unten so aussieht. Die haben da alles, HĂ€user und Autos und Fernseher und so, und sein Vater ist ein wichtiger Mann, Rechtsanwalt ist er, und ein bisschen ist da alles wie bei uns." Der Vater hat in dem gesamten Buch nicht viel zu sagen. Und so scheint es auch von der Autorin intentioniert zu sein. Der Mann ist nicht mehr WortfĂŒhrer in der Familie, wie dies fĂŒr das Neue MĂ€dchenbuch typisch ist. Die Erziehung ĂŒberlĂ€sst er der Frau, zu den Machenschaften seiner Tochter mag er sich fast gar nicht mehr Ă€ußern. Es bleibt ihm und auch der Mutter wohl nichts anderes ĂŒbrig, als Katharinas Entscheidungen zuzustimmen. Sie steht zu ihrer Liebe zu Azuka, egal was Schulfreunde, Eltern oder Verwandte sagen mögen und auch von dem Umzug nach Frankfurt und der Wahl des Studienfachs lĂ€sst sie sich nicht abbringen. Im Großen und Ganzen scheint Katharina allerdings keine grĂ¶ĂŸeren Probleme mit dem Elternhaus zu haben. Letztendlich akzeptieren die Eltern Katharinas Entscheidungen, es besteht auch kein Zweifel daran, dass sie ihre Tochter immer in allem was sie tut unterstĂŒtzen werden. Das aufgekommene Problem des andersartigen Freundes wird mit einer Art der Duldung gelöst, und ĂŒberhaupt, so viel haben sie ja nicht damit zu tun, seit Katharina und Azuka beschlossen haben, gemeinsam in England zu bleiben.

Thema SexualitÀt im Buch
Körperliche bzw. sexuelle Beziehungen werden im Buch nur vage angesprochen, was vielleicht auch damit zusammenhĂ€ngen mag, dass es der Autorin wichtiger erschien, andere Bereiche detaillierter zu besprechen. Die erste körperliche AnnĂ€herung zwischen den beiden Protagonisten findet statt, als beide auf einer Party eng miteinander tanzen, Katharina nur noch "seine NĂ€he spĂŒren" möchte und feststellt, dass "die ganze Welt jetzt sehen könnte, was zwischen ihnen war, alles nĂ€mlich, alles alles, und sie fĂŒhlte eine große Ruhe in sich, Ruhe und Sicherheit und etwas, das ihr sagte, dass sie jetzt angekommen sei."
Dass die beiden miteinander schlafen, wird nicht gleich deutlich. Zum angenommenen Zeitpunkt bemerkt Katharina zwar, dass ihr Freund "... in der Dunkelheit, ein bißchen weniger nackt" aussehe, jedoch wird es erst sehr spĂ€ter im GesprĂ€ch mit der Mutter eindeutig klar, dass Katharina bereits mit Azuka geschlafen hatte.

Kritik am Buch:
Was dem Buch kritisch anzumerken sei, ist die Tatsache, dass es sich die Autorin mit der Wahl des Handlungsortes sehr leicht gemacht hat. HĂ€tte sich die Geschichte eines deutschen MĂ€dchens, dass sich in einen schwarzen Afrikaner verliebt, in Deutschland, und womöglich noch in einer Kleinstadt abgespielt, wĂ€re die gesamte Geschichte viel konfliktreicher gewesen. Allerdings muss man hinzufĂŒgen, dass Dagmar Chidolue viele Teilaspekte versucht hat in die Geschichte einzuarbeiten. Da ist zum einen die Situation eines jungen MĂ€dchens, dass sich zum ersten Mal in ihrem Leben vom Elternhaus und der Kleinstadt entfernt und den großen Schritt in ein fernes Land mit einer völlig neuen Kultur wagt. Zum anderen ist es gerade die Begegnung mit der anderen zwar nicht der englischen, so jedoch der afrikanischen Lebensweise, die das MĂ€dchen eine VerĂ€nderung durchgehen lĂ€sst. Angesprochen wird außerdem, wenn auch nur beilĂ€ufig das Problem Azukas, welche sich mehrmals dem Rat seines Vaters widersetzte und es im Laufe seines Lebens gelernt hat, sich in einem anderen Land mit einer fremden Kultur zurechtzufinden. Ebenso wird das Problem Katharinas mit ihren Eltern erwĂ€hnt, da sie mit einem AuslĂ€nder zusammen ist. Und hierbei liegt Chidolues Problem beim Buch. Vielleicht hĂ€tte sie sich besser auf ein Teilproblem spezialisieren sollen, um der Geschichte eine abgerundete Handlung zu geben.

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