Elegie der Nacht





Literaturtagebuch


MICHEL DEL CASTILLO

ELEGIE DER NACHT

EINE JUGEND IM STRAFLAGER





















1. AUTOR

Michel del Castillo wurde 1933 in Madrid als Sohn einer spanischen Mutter und eines französischen Vaters geboren. Er floh 1938 mit seiner Mutter vor den Franco - Truppen nach Frankreich. Dort wurde er 1942 in das deutsche KZ Mauthausen deportiert. Nach Kriegsende kehrte er nach Spanien zurĂŒck, wo er bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr in kirchlichen Heimen unter zum Teil brutalen Erziehungsmethoden aufwuchs. Michel del Castillo lebt seit 1953 in Paris.

Weitere Werke:

QDie Gitarref (1960)
QDer Plakatkleberf (1961)
QManĂšge Espagnolf (1962)
QTaraf (1964)
QDes Satans Engelf (1967)
QDer Tod der Gabrielle Russierf (1971)

2. INHALTSANGABE

Tanguy flieht mit seiner Mutter aus politischen GrĂŒnden aus Spanien. Sie reisen nach Frankreich zu seinem Vater, der sie verlassen hat. Er lebt einige Zeit mit seinen Eltern in Vichy. Er findet einen Freund und ist sehr glĂŒcklich, bis seine Mutter mit ihm nach Clermont - Ferrand zieht, um eine Arbeit zu suchen. Tanguy wird aber nach einiger Zeit mit seiner Mutter in ein "Lager" gebracht. Dort erkrankt seine Mutter und sie wird in ein Kloster gebracht. Er kommt in ein Internat, wo sich auch eine Klosterschule befindet. Auch dort findet Tanguy einen Freund. Als sich der Zustand seiner Mutter aber bessert, muss sie mit ihrem Sohn wieder vor einer Verhaftung fliehen.
Sie fahren mit dem Zug nach Marseille, wo seine Mutter ein Visum fĂŒr Amerika beschaffen will. Sie bekommt aber keines und geht mit Puigdellivol alleine ĂŒber die PyrenĂ€en nach Madrid. Tanguy soll spĂ€ter nachkommen. Im dem Haus von Puigdellivol gibt es eine Razzia und Tanguy wird mit einem Zug nach Paris gebracht. Dort werden alle Insassen in einen Viehzug "verladen" und unter schrecklichen Bedingungen in ein deutsches KZ deportiert. In dem Zug befreundet sich Tanguy wieder mit einem Jungen, der aber erkrankt und stirbt. In dem KZ wird er in eine Baracke gebracht, in der er GĂŒnther kennen lernt. GĂŒnther wird sein bester Freund und er liebt ihn wie seine Mutter.
In dem KZ bekommen die Deportierten wenig zu essen - nur Suppe und Brot. Es herrschen grausame Sitten. Jeden Morgen gibt es einen Appell, bei dem gesungen wird und man die Nachrichten hört. Tanguy muss Schwerstarbeit verrichten und hungern, kann aber immer wieder durch seinen Freund GĂŒnther neue Kraft schöpfen. GĂŒnther ist Deutscher und hat Jura studiert. Er kann außerdem sehr gut Klavier spielen und bekommt bei Konzerten vom Lagerkommandanten Essen geschenkt.




Im Jahre 1943 kommen neue HĂ€ftlinge. Es gibt aber keinen Platz mehr und sie erfrieren im Freien. Dann werden Gaskammern und Öfen zur Vernichtung der Gefangenen eingerichtet. Jeder Deportierte hat furchtbare Angst vor dem Tod, auch Tanguy. Die Alliierten beginnen mit Luftbombardemands. Vor Ende des Krieges töten die Nazis noch viele HĂ€ftlinge, darunter auch GĂŒnther.
Nachdem der Krieg zu Ende ist, kommt Tanguy nach Frankreich, wo er eine Woche in einer Stadt bleibt. Dann fĂ€hrt er mit dem Zug zu seiner Großmutter nach Barcelona. Diese ist aber gestorben und Tanguy kommt in eine Erziehungsanstalt, die von Mönchen geleitet wird.
Dort werden fĂŒr jedes geringfĂŒgige Vergehen PrĂŒgelstrafen ausgeteilt. Tanguy wird in diesem Heim so abgehĂ€rtet, dass in seinem Herzen nur mehr Hass, und keine Liebe mehr regiert.
Eines Tages kommt der Bischof und Tanguy und ein Kamerad brechen aus der Anstalt aus. Tanguy fÀhrt mit dem Zug nach Madrid. Dort kommt er durch ein Empfehlungsschreiben eines Arztes in ein gutes Heim mit einer Schule.
In diesem Heim erzĂ€hlt er dem Pater alles ĂŒber sein Leben. Tanguy fĂŒhlt sich sehr wohl in der Schule und wird einer der besten SchĂŒler. Er findet neue Freunde, sowohl Kameraden, als auch Lehrer.
Eines Tages wird Tanguy krank. Als sich sein Gesundheitszustand bessert, will er nach Frankreich zu seinem Vater. Das Konsulat lehnt aber seine AntrĂ€ge ab und so reist er nach Barcelona um eine Arbeit zu finden. Er ist lĂ€ngere Zeit arbeitslos findet aber doch noch eine Arbeit in einer Zementfabrik. Tanguy lebt bei einer Frau namens Sebastiana. Er wird krank durch die Arbeit in der Fabrik und er bekommt auch zu wenig Geld. Schließlich beginnt ein Streik in der Fabrik und am Ende wird Tanguy entlassen. Er beschließt nach Frankreich zu gelangen. Es gelingt ihm sich nach Paris zu begeben, wo er seinen Vater trifft. Er ist unhöflich zu Tanguy und schimpft ĂŒber seine Mutter. Nach einer heftigen Auseinandersetzung verlĂ€sst Tanguy seinen Vater.
Im April 1955 trifft er noch einmal seine Mutter, die aber ein völlig anderer Mensch geworden ist. Es fÀllt ihm nicht schwer sich von ihr zu trennen.

3. Wichtige PERSONEN

Tanguy: Tanguy ist mit 5 Jahren aus Madrid geflohen. Er liebt seine Mutter sehr, ist aber auch traurig bzw. wĂŒtend, dass sein Vater ihn und seine Mutter angezeigt hat. Er leidet sehr darunter, dass seine Mutter immer dann mit ihm aus einer Stadt wegzieht, wenn er sich gerade eingelebt und Freunde gewonnen hat. Im KZ ist er trotz der unmenschlichen Bedingungen glĂŒcklich, weil er einen Menschen gefunden hat, der ihm immer wieder neue Kraft gegeben hat. Tanguy ist sehr traurig, als GĂŒnther getötet wird. Ihm ist so, als hĂ€tte man ihm ein StĂŒck von ihm selbst herausgerissen. Er versucht bei allen Menschen nur die besten Seiten zu sehen, sogar bei den SS - Soldaten, denn er meint, sie tĂ€ten all dies nur als treue AnhĂ€nger des Regierungssystems. Die Mönche in der Anstalt hasst er aber ĂŒber alles, nicht nur wegen der PrĂŒgel, sondern weil sie noch jeden Morgen zur heiligen Kommunion gehen. Der Pater in der neuen Schule nimmt fĂŒr Tanguy allmĂ€hlich die Vaterposition ein. Als Tanguy spĂ€ter seinen Vater wieder trifft, merkt er, dass er sich nach dem Krieg nicht geĂ€ndert hat.




Mutter: Tanguys Mutter ist anfangs sehr fĂŒrsorglich und liebte Tanguy sehr, der Krieg zerstörte aber ihr Inneres und als sich die beiden nach 13 Jahren wieder sehen ist sie genauso bösartig wie sein Vater.

GĂŒnther: GĂŒnther ist der einzige Mensch, dem Tanguy in dem KZ trauen kann. Er versorgt ihn mit Essen und spendet ihm auch immer wieder neue Kraft und neuen Mut. Als GĂŒnther umgebracht wird, fĂŒhlt sich Tanguy so, als ob man ein StĂŒck von ihm herausreißen wĂŒrde.

Vater: Tanguys Vater ist vor dem Krieg, sowie auch nach dem Krieg ein feiger Kapitalist, der nur auf das Äußere der Menschen schaut und dem es egal ist, wie es im Inneren dieser Menschen ausschaut. Er zeigt Tanguy und seine Mutter im Krieg bei der Polizei an und diese werden in ein KZ gebracht. Diese Tat verzeiht die Mutter ihm nie, Tanguy kann darĂŒber aber hinwegsehen.

4. LESEFRÜCHTE

Seite 9:
"Ein GlĂŒck, das mit dem UnglĂŒck der Mitmenschen erkauft wird, ist ein unerlaubtes GlĂŒck."

Seite 81:
Im Jahre 1943 sollte den Deportierten klar werden, dass die Kunstfertigkeit des Menschen im Vernichten von seinesgleichen erschreckender Steigerung fÀhig ist. Sie hatten geglaubt, die Grenzen der LeidensfÀhigkeit erreicht zu haben. Jetzt sollten sie erfahren, dass sie keine Grenzen hat; dass der Mensch unendlichen Leidens fÀhig ist.

Seite 91:
"Im einem Krieg gibt es weder Sieger noch Besiegte: es gibt nur Opfer."

Seite 91:
... Niemand, der sie nicht selber durchlebt hat, kann wissen, was die NĂ€chte des Jahres 1943 in einem deutschen Konzentrationslager bedeuteten; niemand, der es nicht selber erfahren hat, kann wissen, was in einem vorgeht, wenn man auf seinem Strohsack liegt und den Barackenaufseher mit einer Liste in der Hand auf sich zukommen sieht; niemand weiß, was es heißt, jede Sekunde auf den Tod gefasst sein zu mĂŒssen. Jeder Tag kann der Tag sein. Und die Tage werden eine endlose Agonie.


Seite 93:
"Der Krieg ist eine Geißel. Man ruft: c‘est la guerre, c‘est la guerre! ... so wie man im Mittelalter rief: Die Pest kommt, die Pest kommt! ... Niemand will den Krieg, aber eines Tages ist er da, und man fĂŒgt sich ein. Man bereut es erst, wenn man ihn kennen gelernt hat, und dann ist es zu spĂ€t."




Seite 143:
"Was einen Menschen alt macht, ist nĂ€mlich das Abschiednehmen; je hĂ€ufiger man in seinem Leben hat Abschied nehmen mĂŒssen, um so Ă€lter ist man. Älterwerden heißt, einen Menschen oder sonst etwas verlassen..."

Seite 149:
Reichlich lendenlahm so ein Glaube, der vom Portmonee abhĂ€ngt! Nicht das ÜberflĂŒssige muss man geben können, sondern das Notwendige.

Seite 177:
"Sie haben begriffen, dass sie die StĂ€rkeren sind. FrĂŒher oder spĂ€ter wird sich der Streik von heute fĂŒr die Herren da oben zu einer wahren Katastrophe auswachsen. Es hat immer schwerwiegende Folgen fĂŒr die Arbeitgeber, wenn die Arbeiter sich ihrer selbst bewusst werden, denn dann begreifen sie, dass sie sich in der Überzahl befinden ... Das kommt nicht heute oder morgen ... Aber die Dampfwalze ist im Rollen. Nichts wird sie mehr aufhalten. Schwierig ist immer nur, sie anzukurbeln."

5. DEUTUNG

Weder das Kind noch der erwachsene Mann Tanguy kennen die Sicherheit und Geborgenheit eines richtigen Zuhause, einer dauerhaften Beziehung. Jede Trennung, jedes Weggehen - mĂŒssen, jeder Abschied ist fĂŒr den Knaben Tanguy deshalb um so schmerzhafter. In diesem Leben auf der Flucht wird dem Kind immer wieder der Mensch genommen, den er sich gerade vertraut gemacht hat.
Doch so tief auch jedes Mal die Wunde ist, sucht der Junge immer nach ErklĂ€rungen. Mit seinem unerschĂŒtterlichen Glauben an das Gute entschuldigt er die schrecklichsten GrĂ€ueltaten der Kriegsverbrecher. Im Innersten hĂ€lt er an der Idee von einer heilen Welt außerhalb dieser Kriegswirren fest. In all den TiefschlĂ€gen, die das Schicksal fĂŒr ihn bereit hĂ€lt verteidigt er vor sich seine Ideale. Er ertrĂ€gt das Leben im KZ, weil er dem Krieg die Schuld an der Schlechtigkeit der Menschen geben kann. Und immer ist er beseelt vom Gedanken, spĂ€ter, wenn die Welt wieder im Lot sein wĂŒrde, seine Mutter wieder zu finden!
Sein Urvertrauen und sein Optimismus werden jedoch von der heuchlerischen BrutalitĂ€t der BrĂŒder im Jesuitenkloster gebrochen. Hier sieht er sich einer Form der Gewalt gegenĂŒber, die durch nichts erklĂ€rbar ist. Die Mönche strafen mit System und einem Sadismus, der durch nichts gerechtfertigt ist. Und das Unfassbarste: sie empfangen allmorgendlich die heilige Kommunion. Erst jetzt wird auch fĂŒr ihn HĂ€rte und Hass zum Lebensinhalt.

Im Roman "Elegie der Nacht" zeigt uns Michel del Castillo in autobiografischer Weise die Wirrnisse seiner Kindheit. Er fĂŒhrt uns in eine GefĂŒhls - und Gedankenwelt, die in ihrer SubtilitĂ€t ergreifend ist. Das positive Denken, das den Knaben Tanguy in all den Jahren der Verluste und schmerzhaften Erlebnisse aufrechterhalten hat, sollte uns heute in der Orientierungslosigkeit und Verrohung unserer Zeit Vorbild sein.

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