Gegenwart


Zu 1 : Schopenhauer behauptet, dass der Mensch weder nach der Vergangenheit
vor dem Leben, noch nach der Zukunft nach dem Tod suchen solle, denn der
Wille zeige sich nur in der Gegenwart. Und da der Mensch eine Objektivation
des Willens sei, könne er der Gegen - wart und dem "Willen an Sich" nicht
entkommen. Die Gegenwart ihm jedoch auch nicht. Die Todesfurcht sei "eine
Täuschung", da der Wille immer gegenwärtig sei, und es somit auch nach dem
Tod des Indi - viduums keine Zeit ohne Gegenwart darin gebe. Wen das Leben, wie
es sei befriedige und wer es bejahe, der könne es als unendlich ansehen.
Derjenige hingegen, welcher das Leben auch verneine, weil er dessen Qualen
(z.B. Krieg) verabscheue, der könne mit einem Selbstmord nichts erreichen, da
es auch ohne ihn weiterginge.

Zu 2: Der Text, "Der Wahre Wert der Geschichte" besagt im Kern, dass die
Geschichte das vern√ľnftige Selbstbewu√ütsein der Menschheit sei. Vergleichbar
mit der Vernunft des Individuums, die Bedingung f√ľr dessen Bewu√ütsein sei.
Mit der Reflexion √ľber die Geschichte k√∂nne ein Volk, erst die Gegenwart
erschließen und "die Zukunft antizipieren."
Auf den ersten Blick erscheinen die beiden Texte widerspr√ľchlich. In dem Text
zur Geschichte behauptet Scxhopenhauer, dass die Geschichte das
Selbstbewußtsein der Menschheit sei und in dem Text "Gegenwart," dass man
nicht nach Zukunft und Vergangenheit (Geschichte) außerhalb seiner
Lebensspanne suchen solle. Vereinbar miteinander sind die beiden Texte erst,
wenn man die Suche nach Vergangenheit und Zukunft im Gegenwartstext als Suche
nach Transzendenz versteht, ähnlich einer Suche nach Gott. Ein solches
Forschen lehnt Schopenhauer ab, da der Wille, als √ľbergeordnetes Prinzip,
sich nur in der Gegenwart zeige. (Es gibt keinen Schöpfer und kein Paradies
nach dem Tod.) Der Wille erscheine im Leben und dessen Form sei "Gegenwart
ohne Ende." Im Text zur Geschichte geht es um keine Suche nach dem Willen,
sondern um ein Verständnis der Gegenwart, welches sich nur aus der Geschichte
ergebe.




Zu 3: Ich denke auch, dass ein Denkfehler in Schopenhauers Text "Gegenwart",
in Bezug auf seine √Ąu√üerung: Todesfurcht sei eine T√§uschung, vorliegt.
Schopenhauer liefert selber Argumente, die daf√ľr sprechen.
- Im Text zum Subjekt behauptet Schopenhauer, dass das Subjekt außerhalb von
Zeit und Raum liege und die "Welt als Vorstellung" ganz ungeteilt in jedem
Menschen existiere. Verschwände eines dieser Subjekte so wäre die Welt als
Vorstellung nicht mehr. Dies bedeutet also, dass das Subjekt und mit ihm seine
"Welt als Vorstellung" nach dem Tod nicht mehr existiert. Wenn sich nun das
Subjekt als Mittelpunkt der Welt wahrnimmt, und nicht als Teil eines großen
Ganzen, (wie dem Willen, der ewig fortlebt), dann erscheint Todesfurcht
meiner Meinung nach als nat√ľrliche Folge der Angst, nicht mehr bewu√üt zu sein.
- Im Text "Egoismus" finden sich auch noch zwei Anmerkungen, die die
Todesfurcht nicht als Täuschung, sondern im Gegenteil als ein Teil des Seins
erklären: "Jedes erkennende Individuum ist also in Wahrheit und findet sich
als den ganzen Willen zum Leben...und als die ergänzende Bedingung die Welt
als Vorstellung." Unter diesen beiden Bestimmungen mache sich auch das zu
nichts verkleinerte Individuum zum Mittelpunkt der Welt und sei bereit die
Welt zu vernichten, "um nur sein eigenes Selbst, diesem Tropfen im Meer,
etwas länger zu erhalten." Demnach ist, laut Schopenhauer, der Egoismus der
Willen zum Leben. Wenn es nun keine Todesfurcht ist, die den Menschen
veranlassen w√ľrde, die Welt zu vernichten, nur um nicht selbst zu sterben,
dann weiß ich auch nicht weiter ! Außerdem denke ich, dass erst die Todesangst
zu einer der grundlegenden Fragen der Philosophie und den Reli - gionen gef√ľhrt
hat : Was passiert nach dem Tod ? Eine Täuschung in der Todesfurcht zu sehen,
halte ich somit f√ľr vermessen. Ganz abgesehen davon, dass sich der Mensch seit
Tausenden von Jahren mit ihr beschäftigt und ein Großteil seiner Kultur erst
aus der Auseinandersetzung mit dem Tod entstanden ist. Die Todesfurcht selbst
erkläre ich mir als eine Art Sicherung, die den Willen zum Leben erst
bedingungslos werden lässt.


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