Entstehung und Geschichte des Volkstheaters

ENTSTEHUNG UND GESCHICHTE DES VOLKSTHEATERS

Die Entwicklung der Altwiener - Volkskomödie dauert 150 Jahre !
Die Hoftheater mit ihren OpernauffĂŒhrungen, Tragödien und SchĂ€ferspielen, die Ordenstheater (Jesuiten, Benediktiner) und das protestantische Schultheater sind die bekannten Formen barocken und nachbarocken Theaterlebens.
Ab dem 16. Jahrhundert kommen hierzu noch diverse Volksfeste und Jahmarktsspektakel, die von Stadt zu Stadt reisen. Auch die englischen WanderbĂŒhnen bilden sich in dieser Zeit aus, die aber spĂ€ter von den deutschen WanderbĂŒhnen abgelöst werden. Diese gaben ihre Vorstellungen nicht nur (Tragödien und barocke HeldenstĂŒcke) in StĂ€dten auf dem Marktplatz, sondern wurden auch des öfteren vom Fleck weg fĂŒr ein Schauspiel bei Hofe engagiert. Pickelhering (PickelhĂ€ring) war die Figur, die aufgrund ihrer Komik die Menschen das Theater besuchen ließ.
Pickelhering: war die bizarr - groteske Gestalt eines dummen und ĂŒberheblichen Menschen in den StĂŒcken jener englische Komödianten, die im 17. Jahrhundert mit ihren WanderbĂŒhnen Deutschland bereisten.
Diese WanderbĂŒhnen waren jedoch die Hoffnung der deutschen Dramenautoren im 18. Jahrhundert: Der Literaturkritiker GOTTSCHED bemĂŒhte sich nicht nur um das deutsche Drama, er wollte auch die Schauspielkunst auf ein höheres Niveau heben. Anders ohne dieser Voraussetzung sollte sich das deutsche Drama nicht ordentlich entwickeln können.
Doch eben diese WanderbĂŒhnen fanden großen Anklang bei den Leuten, auch bei den Wienern. Viele Wanderkomödianten machten auf diese Weise ihr Geld. Die erste erfaßbare Gestalt ist der in Graz 1676 geborene Komiker Josef Anton Stranitzky, der bereits in jungen Jahren eine Truppe um sich sammelte und
" Theater machte". In seinen Haupt - und Staatsaktionen (= StĂŒcke mit historisch - politischem Inhalt) flocht er die komische BĂŒhnenfigur Hanswurst ein und begrĂŒndete damit die Wiener Volkskomödie (ungefĂ€hr um 1700). Zu Beginn des 18. Jahrhunderts beginnen sich Jesuiten - und Schuldrama, die barocke Prunkoper mit den diversen WanderbĂŒhnen und der volkstĂŒmlichen Komik zu verbinden. Der eigentliche Beginn hĂ€ngt mit dem Seßhaftwerden der Wandertruppen neben den Hoftheatern zusammen. Angeblich entstand auch aus dieser Konfrontation heraus auch ein Zusammenspiel verschiedener, teils gegensĂ€tzlicher Stile. Das Volkstheater im damaligen Sinne diente der Befriedigung naiver Schaulust, da man annehmen konnte ein total kontrĂ€res Programm zu sehen, im Vergleich zu den Bildungstheatern.
Um 1704/5 circa ĂŒbernahm Stranitzky gemeinsam mit seinem Partner die KomödienhĂŒtte auf dem neuen Markt. Stranitzky, der inzwischen selbst zum Wienerischen Hanswurst geworden war, ĂŒbernahm 1712 das KĂ€rtnerthortheater. Vom Beginn des 18. Jahrhunderts an ist dieses Theater an die Institution einer BĂŒhne gebunden, die gegen das Hof - und Bildungstheater abgegrenzt ist. Es war ein Theater fĂŒr die breite Masse der Bevölkerung, wobei man unter Volk folgendes versteht:
Das Volk war eine Gruppe von Menschen, die sich als Klasse betrachtet zwischen den Gemeinen und den Gebildeten wiederfindet. Es ist nicht identisch mit dem Wort " Pöbel", sondern war - um genau zu sein - die Mittelklasse der Residenzbewohner, BĂŒrger, Beamte, Fabrikanten und Arbeiter. Das einfache Volk besuchte im VormĂ€rz eher die kostenlosen Spektakel, spĂ€ter erhielten die öffentlichen Unterhaltungen mehr klassenspezifischen Charakter, z.B. die Operette fĂŒr den BĂŒrger.

Der Hanswurst ist allerdings keine Erfindung Stranitzkys. In Fastnachtspielen und Stegreifpossen des 17. Und 18. Jahrhunderts erheiterte Hanswurst mit seiner volkstĂŒmlich - derben Komik das Publikum.
Hanswurst: derb - witzige Figur des deutschsprachigen Volkstheaters des 17. Und 18. Jahrhunderts. Sie entstand aus der Verschmelzung heimischer Gestalten mit dem Personal der englischen und italienischen BĂŒhne, namentlich mit Pickelhering und Arlecchino, der schelmischen Figur aus der Comedia dell‘ Arte. SpĂ€ter erhĂ€lt sie den Namen Harlekin. Die Improvisationen der Haupt - und Staatsaktionen nennt man Hanswurstiaden.
Gottsched bekĂ€mpfte ihn und verbannte ihn von der BĂŒhne. In der Wiener Volkskomödie aber lebt er weiter und blĂŒhte bis Mitte des 19. Jahrhunderts auf allen drei großen Theatern. Die Reformer konnten die Volkskomik in Wien einfach nicht ausrotten.

Ähnlich wie die italienische Comedia dell’ Arte war auch die Wiener Volkskomödie Stegreiftheater: Der Handlungsverlauf war festgelegt, die BĂŒhnenfiguren, in erster Linie der Hanswurst, versuchten die Leute mit einem gewissen SchmĂ€h, der allerdings nicht in den vorgegebenen Texten zu finden war, ins Theater zu locken. Dadurch entzog sich das Theater der Kontrolle der Zensur. Zwischen 1745 und 1749 kommt es zu einem Boykott der Volkskomödie, der von Josef von Sonnenfels, einem engen Mitarbeiter Maria Theresias und ab 1770 Zensor, inszeniert wurde. Auch Gottsched befand sich zu dieser Zeit in Wien. Der Druck der Theaterreformen und des " Geists der AufklĂ€rung" auf das Stegreiftheater wird spĂŒrbar. Die zu der Zeit herrschende Kaiserin Maria Theresia befahl den Autoren, ihre Komödientexte vor der AuffĂŒhrung einem Zensor vorzulegen, damit dieser ĂŒberprĂŒfen konnte, ob alles rechtmĂ€ĂŸig geschehen war oder nicht (die Texte wurden ĂŒberprĂŒft, dass Religion, der Staat oder gute Sitten nicht beleidigt wurden). 1782 wird die Zensur auf die gesamte Monarchie ausgedehnt. Die LITERARISIERUNG des Volkstheaters war somit vollzogen; das Extemporieren war aber dennoch nicht ganz auszuschließen.
Erst im Jahre 1776 erklĂ€rt Kaiser Joseph II die " Spektakelfreiheit". Es ist jedem erlaubt das Publikum, auf welche Weise auch immer zu unterhalten und sich einen Nutzen daraus zu ziehen. Zahlreiche TheatergrĂŒndungen finden statt - sogar bis zu 80. Seit den TheatergrĂŒndungen ein Ende gesetzt wurde, hatten die Wiener aber immer noch zehn Theater zur Auswahl, wobei die drei großen VorstadtbĂŒhnen (Theater an der Wien, Theater in der Leopoldstadt und Theater in der Josephstadt) herausragten. Das Theater in der Leopoldstadt ist als das
" eigentliche" Volkstheater, als das " Lachtheater Europas" bekannt. Das Theater an der Wien besitzt das grĂ¶ĂŸte Ansehen, wĂ€hrend das Theater in der Josefstadt im Schatten dieser beiden großen BĂŒhnen steht. Es macht aber trotzdem auch auf sich aufmerksam.
Im April 1776 wird das Burgtheater gegrĂŒndet, was aber nichts anderes bedeutet als das es zu diesem Termin vom Hof ĂŒbernommen worden war. Nun ist es das " Nationaltheater", in dem man nur StĂŒcke in Hochsprache auffĂŒhrt - also wiederum ein Punkt, warum es sich mit der Volkskomödie nicht vertrĂ€gt (Dialekt !). Dem
" regelmĂ€ĂŸig" literarischem Theater ging es vorrangig um die sittliche Botschaft; in diesem Kontext wird der Kampf gegen die " lustige Person" der Volkskomödie verstĂ€ndlich. Das österreichische Burgtheater hat sich seit Beginn einem wesentlichen Strang der eigenen Theaterkultur verschlossen, Raimund und Nestroy etwa werden erst im 20. Jahrhundert " burgtheaterfĂ€hig".
Dem Hanswurst sollten der Kasperl, der ThaddÀdl und der Staberl nachfolgen, im 19. Jahrhundert begann die Entwicklung zur komischen Charakterolle in der Volkskomödie (bei Raimund und Nestroy - die wohl bedeutendsten ReprÀsentanten der Volkstheaters).
Die BlĂŒtezeit der Wiener Volkskomödie erstreckt sich ĂŒber einen Zeitraum von circa 50 Jahren (1813 - 1860). Bis in die Dreißiger Jahre hinein beherrschen die " Großen Drei" Gleich, Meisl und BĂ€uerle die Wiener VorstadtbĂŒhnen.
Die Geschichte des Wiener Volkstheaters ist auch eine Geschichte seiner " Akteure", vor, auf und hinter der BĂŒhne. Es bildet die Gesellschaft, die es hervorbringt ab und wirkt zugleich auf das gesellschaftliche Leben zurĂŒck. Somit leistet es einen spezifischen Beitrag zur AufklĂ€rung in Österreich.
Untersuchungen ergaben, dass das Volkstheater immer mit einem anderen Theater konkurrierte (zumeist mit den Hof - und Bildungstheatern) und dessen Stile imitierte. Es dient einfach der Popularisierung. Der Theaterzauber und alle spektakulĂ€ren Wirkungsmittel, einschließlich Musik, Tanz und Gesang werden genutzt. Es bevorzugt den niederen Stil und die Stilmischung. Einerseits neigt es zur Sentimentalisierung, andererseits zu Provokation. Das Wienerische Wesen wird zumeist sehr gut getroffen: dieser spezifische Wiener Humor, die angeborene MusikalitĂ€t und diese besondere Beziehung zum Tod und auch zum Metaphysischen. Das Bild Wiens wird aber nicht nur in der Volkskomödie, sondern auch im " Wiener Lied" oder in der " Wiener Operette" verdeutlicht. Phantasie, Zauberei, Parodie und Satire dienen zum Bau der " Fassade Wien" und sind zugleich Mittel ihrer Entlarvung. Das " ZauberstĂŒck" und die " Posse" lagen bereits in ihren Wiegen.
Der Staat förderte das Theater, sofern es dem Volk Ersatz fĂŒr politisches Engagement, Unterhaltung und Ablenkung, ABER auch Bildung bot.

Ab 1830 werden durch Raimunds " poetische" und Nestroys " satirische" Komik neue Akzente gesetzt. Die Zeitgenossen sprechen von Krise, Verfall, Niedergang und Ende des Wiener Volkstheaters.

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