Ferdinand Raimund

Ferdinand Raimund

Ferdinand Raimund (1790 - 1836)

Biographie

Er wurde 1790 in der Wiener Vorstadt Mariahilf geboren. Lernte bei einem Zuckerb√§cker und verkaufte im Theater S√ľ√üwaren. Dadurch wurde in ihm die Lust aufs Schreiben und Schauspielen geweckt. Nach Schauspielerei bei wandernden B√ľhnen, spielte er ab 1813 am Josefst√§dter und ab 1817 am Leopoldst√§dter Theater, das er in den Jahren 1828 bis 1830 leitete. Anf√§nglich versuchte er es in der Tragik, wechselte aber dann ins Fach der Volkskom√∂die, in dem er schon bald gro√üe Erfolge feierte. Tragisch dabei war, dass er trotz seines Sprachfehlers ernste Rollen spielen wollte, jedoch nur als Komiker Erfolg hatte. Als Schauspieler schrieb er bald seine St√ľcke selbst. Der gro√üe Erfolg seiner komischen M√§rchen - und Zauberspiele befriedigte ihn nicht, da ihn sein k√ľnstlerischer Ehrgeiz dazu dr√§ngte, wie Grillparzer Trag√∂dien zu schreiben.
Nach entt√§uschter Ehe (mit der leichtfertigen Schauspielerin Luise Gleich, zu der gegen seinen Willen von Luisens Vater und dem Theaterpublikum gezwungen wurde) und langen Depressionen (knapp vor seinem Tod verdr√§ngte ihn Johann Nestroy in der Gunst des Publikums) beendete er sein Leben 1836 in Pottenstein durch Selbstmord, da er sich von einem tollw√ľtigen Hund gebissen glaubte.

Literarhistorische Bedeutung

beruht darin, dass er die mit Gesangseinlagen und Tanz ausgestatteten Zauberpossen, Gespenster - und M√§rchenst√ľcke des Wiener Volkstheaters zu echten Kunstwerken emporhebt. Er reinigt die √ľberlieferten Volksst√ľcke von ihrer groben Derbheit und platten R√ľhrseligkeit. Die Feen und Geister werden menschlich beseelt. Den allegorischen Figuren wird individuelles Leben verliehen. Sie werden mit dem inneren Schicksal der Personen in Verbindung gesetzt. Die graue Wirklichkeit wird im M√§rchen verkl√§rt, und aller Pessimismus, der auch dem Dichter nicht fremd ist, wird aus den Herzen der Zuschauer verbannt. Wo sich der Mensch nicht mehr zu helfen wei√ü, greifen gute Feen und Geister ein. Die Handlung entwickelt sich aus den Charakteren. Der Hanswurst wird zu einer lebensklugen, still sich bescheidenden Gestalt voll r√ľhrender Herzensg√ľte umgeformt. Au√üerdem verk√∂rpert Raimund in einer Reihe trefflicher Charakterfiguren den Wiener Volkscharakter: die Sorglosigkeit, den Humor, den geraden Sinn und das Gem√ľt. Indem er M√§rchenwelt und Wirklichkeit, Lied, Tanz und gesprochenes Wort, Komisches und Ernstes, schlichte Moral und humorvolle Belehrung zu geschlossenen Kunstwerken vereinigt, schafft er echte Volksst√ľcke, die Aug und Ohr, Herz und Verstand gleicherma√üen entgegenkommen. Alle St√ľcke Raimunds sind von einem mit Wehmut gepaarten Humor getragen, predigen heitere Entsagung und suchen zu beweisen, dass wahres Gl√ľck in Arbeit, Gesundheit und ganz besonders in der Zufriedenheit liegt. Das Gute in der Welt siegt, das B√∂se aber √§ndert sich.

Werke

Seine ersten St√ľcke "Der Barometermacher auf der Zauberinsel" (1823) und "Der Diamant des Geisterk√∂nigs" (1824) sind fast zur Ganze noch im Stil der alten Wiener Zauberpossen geschrieben.

Der Barometermacher auf der Zauberinsel

In dem f√ľr seine eigene Benefizvorstellung geschriebenen St√ľck "Der Barometermacher auf der Zauberinsel" spielt das alte Motiv von den Zaubergaben, die der gl√ľckliche Besitzer gegen seine Feinde verteidigen muss, die Hauptrolle.

Inhalt

Bartholom√§us Quecksilber, der auf einer Zauberinsel gestrandet ist, erh√§lt von einer m√§chtigen Fee einen Zauberstab, der alles in Gold verwandelt. Ein Zauberhorn sichert ihm die Hilfe von Zaubersoldaten, und eine Sch√§rpe kann ihn durch die L√ľfte tragen. Tutu, der Herrscher der Insel, besitzt eine Tochter, die Prinzessin Zoraide, um deren Hand Quecksilber wirbt. Zoraide √ľberlistet Quecksilber und raubt ihm die Zaubergaben. Mit Hilfe der Kammerzofe Linda, die dann Quecksilbers Frau wird, entrei√üt unser Held der Prinzessin die Gaben und l√§sst sie buchst√§blich mit einer langen Nase sitzen.

Der Diamant des Geisterkönigs

In dem Zauberspiel "Der Diamant des Geisterk√∂nigs" (1824) finden wir in dem zwar dummen und ungeschickten, aber in seiner Treue r√ľhrenden Diener Florian Waschblau zum ersten Mal einen vereitelten Hanswurst. Die bunte und abenteuerliche Handlung steht im Dienst einer sittlichen Idee, da bei der Wahl einer Braut die Forderung nach der Wahrheit aufgestellt wird.

Inhalt

Eduard, der Sohn des Zauberers Zephises, wurde nicht in die Geheimnisse der Zauberkunst eingeweiht, da sein Vater pl√∂tzlich gestorben war. Er lebt bei einem Geisterk√∂nig, der ihm den Zugang zu des Vaters Zauberkabinett erm√∂glicht. Dort stehen elf kostbare Statuen. Nach dem letzten Willen des Vaters soll sich Eduard die noch fehlende zw√∂lfte Statue von dem Geisterk√∂nig zum Geschenk erbitten. Mit seinem Diener Florian Waschblau macht er sich auf die Reise in die Geisterwelt auf. Nach mancherlei Abenteuern ist der Geisterk√∂nig bereit, ihm die zw√∂lfte Statue zu geben. wenn er ihm ein M√§dchen verschaffe, das in ihrem Leben noch nie gelogen habe. Als Zeichen bestimmt der Geisterk√∂nig, dass Florian Waschblau Schmerzen empfinden solle, wenn Eduard einem M√§dchen die Hand reiche, das gelogen habe. In einer jungen Engl√§nderin auf der Insel der Wahrheit finden Eduard und Florian das gew√ľnschte Ideal. Da wird Eduard von Liebe zu ihr ergriffen und ist eher bereit, auf alles zu verzichten, als sie dem Geisterk√∂nig auszuliefern. Nun zeigt ihm dieser, dass gerade dieses M√§dchen die zw√∂lfte Statue ist, die er suchen sollte.

Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär

Das dritte Schauspiel "Das M√§dchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Million√§r"(1826) gibt eine Verherrlichung der Zufriedenheit. Hier wird die Handlung bereits aus dem Charakter heraus entwickelt. Die allegorischen Figuren von Jugend und Alter, Neid, Ha√ü und Zufriedenheit sind lebendig gestaltet und wirken ergreifend, da sie immer in Verbindung mit dem Schicksal des Bauern Wurzel erscheinen, wodurch sie zu Symbolen f√ľr innere Vorg√§nge werden. Auch ist die irdische Welt bereits von der √úberwelt des Geisterreiches getrennt, sodass die Feenwelt nur noch als Rahmen Bedeutung hat.
Urauff√ľhrung 1826 im Theater in der Leopoldstadt. Ein B√ľhnenst√ľck in drei Akten.

Interpretation

Dieses "Zaubermärchen" soll den Unterschied von arm und reich aufzeigen; wie Reichtum den Menschen verdirbt. Auch ist es eine Kritik an der immer mehr materialistisch werdenden Gesellschaft dieser Zeit, die sich in den Vorurteilen der Leute widerspiegelt.
Die L√∂sung wird in der Zufriedenheit, in der R√ľckkehr zur romantischen Idylle gesucht. Personifiziert ist dies in Lottchen, der treuen Unschuld, mit ihren reinen Gef√ľhlen und Absichten..
Sprachlich ist das St√ľck in drei Kategorien zu unterteilen: in den vortragartigen Stil der Lakrimosa und der "Zufriedenheit". Weiters in die Umgangsprache von Fortunatus Wurzel und der reinen Gef√ľhlssprache von Lottchen. Lieder, wie das "Aschenlied" oder das "Lied der Jugend", werden auch au√üerhalb des St√ľckes im √∂sterreichischen Sprachraum bald sehr bekannt.

Inhalt

Die Fee Lacrimosa muss ihre Tochter einem armen Bauern zur Erziehung √ľberlassen, da sie wegen ihres Hochmuts von der Feenk√∂nigin bestraft wird. Lottchen, ihr Kind, kann sie nur dann wiedersehen, wenn es vor dem 18. Lebensjahr einen armen Mann heiratet, der ihre erste Liebe sein muss. Der Neid, der von der Fee als Freier abgewiesen wurde, l√§sst nun den Bauern Fortunatus Wurzel einen Schatz finden, den er jedoch nicht verw√ľnschen darf. Er will hoch hinaus und verweigert seine Zustimmung zur Heirat Lottchens mit dem armen Fischer Karl. Lacrimosa hat jedoch hilfsbereite Freunde, die ihr beistehen. Wurzel wird pl√∂tzlich alt, er verflucht seinen Reichtum und wird wieder arm. Der Ha√ü und der Neid haben mittlerweile den Fischer Karl mit Reichtum bedacht. Als er jedoch vor die Wahl gestellt wird, zwischen seiner Braut und dem Besitz des Geldes zu entscheiden, verzichtet er auf seinen Reichtum. Nun hat endlich Lacrimosa gesiegt. Sie kann Lottchen einen bescheidenen Wohlstand verleihen, und der gealterte Fortunatus Wurzel erh√§lt wieder seine fr√ľhere Gestalt.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht die Geschichte des √ľber Nacht reich gewordenen Bauern Fortunatus Wurzel, der durch sein Protzentum bald wieder verarmt und schlie√ülich gemeinsam mit seiner zun√§chst ungl√ľcklich liebenden Pflegetochter Lottchen doch wieder zum Gl√ľck zur√ľckfindet. Dies geschieht in dem Augenblick, als Wurzel und Lottchens Br√§utigam, der Fischer Karl, nichts anderes als nur bescheidene Gen√ľgsamkeit und innere Zufriedenheit im Leben anstreben.
Ber√ľhmt ist jene Szene geworden, in der die Jugend, eine Glanzrolle der Therese Krones, der gr√∂√üten Volksschauspielerin dieser Zeit, von dem altwerdenden Fortunatus Wurzel mit dem Liede "Br√ľderlein fein" Abschied nimmt.

In den beiden folgenden St√ľcken "Moisasurs Zauberfluch" (1827) und "Die gefesselte Phantasie" (1828) sucht Raimund, den Stil der gro√üen Trag√∂die zu erreichen, was ihm aber nicht ganz gelingt.

Der Alpenkönig und der Menschenfeind

"Der Alpenk√∂nig und der Menschenfeind" (1828) ist Raimunds zweites gro√ües Meisterwerk. Es ist ein L√§uterungsdrama,in dem sich der Dichter mit seiner eigenen ungl√ľcklichen Naturanlage auseinandersetzt.

Inhalt

Der mit sich, seiner Familie und mit der ganzen Weit zerfallene Menschenfeind Rappelkopf zieht sich in eine einsame K√∂hlerh√ľtte vor der Menschheit zur√ľck. Da schreitet der Alpenk√∂nig ein. Er nimmt die Gestalt Rappelkopfs an, der selbst in die seines Schwagers verwandelt wird, und spielt nun dem peinlich √úberraschten unter Poltern und W√ľten dessen menschenfeindliches, mi√ütrauisches, rappelk√∂pfisches Wesen vor. Der Anblick seines Spiegelbildes heilt den Herrn von Rappelkopf, der nun alle Schuld in sich erkennt und dadurch dem Leben wiedergegeben wird.

Der Verschwender

Nach dem Mi√üerfolg seines St√ľckes "Die unheilbringende Krone" (1829), das einen neuen Versuch darstellt, sich dem Stil des hohen Dramas zu n√§hern, schreibt Raimund das Original - Zauberm√§rchen "Der Verschwender" (1834), das den H√∂hepunkt und gleichzeitig das Ende seines Schaffens bildet.
Der komplizierte Geisterapparat der ersten Schauspiele erscheint hier vereinfacht, auf das Notwendigste beschränkt.
Urauff√ľhrung 1834 im Theater in der Josefstadt. Ein St√ľck in drei Akten nach der Vorlage von Destouches "Der Verschwender oder Die ehrenhaften Spitzbuben".

Inhalt

Die Fee Cheristane liebt in Gestalt eines schlichten Bauernm√§dchens den reichen Flottwell. Sie opfert ihm eine Perle ihrer Zauberkrone nach der anderen, auch die letzte, nach deren Verlust sie in das Feenreich zur√ľckkehren muss. Der Geist der Perle begleitet Flottwell in der Gestalt eines Bettlers auf dessen Lebensweg. Flottwells Reichtum wird von seiner Umgebung ausgenutzt. Er verarmt durch seine ma√ülose Verschwendungssucht und Freigebigkeit. Der einzige, der ihm im Elend treu bleibt und ihn freundlich bei sich aufnimmt, ist sein ehemaliger Diener Valentin. Er ist Tischlermeister geworden und lebt mit seiner Frau, einer fr√ľheren Kammerzofe seines Herrn, und seinen Kindern in einem bescheidenen, durch Arbeit erworbenen Wohlstand in vollster Zufriedenheit. In den Ruinen seines alten Stammschlosses findet Flottwell die Sch√§tze, die er mit vollen H√§nden dem Bettler, seinem Schutzgeist, ausgestreut hat. Valentin Holzwurm wird f√ľr seine Treue belohnt.
Wenn auch der Weg Flottwells zu Anfang und Ende des St√ľcks von √ľberirdischen M√§chten geleitet wird, so bleibt sein Schicksal doch auch von seinen eigenen Entscheidungen abh√§ngig, seinem eigenen Willen unterworfen. Cheristanes Worte machen das deutlich: "Kein Fatum herrsch auf seinem Lebenswege/Er selber bring sich Unheil oder Segen." In seiner Gegenfigur Valentin hat Raimund eine der popul√§rsten deutschen Theaterfiguren geschaffen: Naivit√§t, Rechtschaffenheit - aber auch die f√ľr das Biedermeier typische Resignation kennzeichnen seinen Charakter. Valentin Holzwurms "Hobellied" wurde eines der bekanntesten Couplets (=lyrische Einlagen, die der Schauspieler singt) des Dichters.



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